Autor: Mohamed M. Saleh
In einem Jahr werde ich wahrscheinlich ein Zeugnis mit dem Titel „Facharzt für Neurologie“ überreicht bekommen.
Was bedeutet das eigentlich?
Für viele bedeutet das Facharzt-Zeugnis heutzutage ein leicht besseres Gehalt oder eine höhere gesellschaftliche Stellung. Vielleicht auch weniger dieser blöden Nachtdienste. Kann das aber die vollständige Bedeutung dieses Ereignisses sein? Nein, denn wenn man es zu Ende denkt und aus einer weiten Perspektive betrachtet, dann steht das Facharzt-Zeugnis dafür, dass die Gesellschaft, in der ich lebe, mir eine Reife zuspricht und mich damit beauftragt, mich zukünftig um die neurologischen Erkrankungen meiner Mitmenschen zu kümmern.
Um welche Menschen geht es hier? Es geht beispielsweise um eine 21-jährige Studentin, die plötzlich eine Sehschwäche und halbseitige Lähmung entwickelt. Ihr werde ich sagen, dass sie Läsionen in ihrem Gehirn und Rückenmark hat – das Ganze nennen wir „Multiple Sklerose“ und es ist eine unheilbare Erkrankung, die in Schüben verläuft – Schübe, die ich nicht voraussehen kann und langfristig ihr Nervensystem schädigen. Eine der Therapien besteht darin, Bestandteile ihres Immunsystems zu zerstören – mit allen Folgen, die so eine Maßnahme mit sich bringt. Es geht auch um einen 67-jährigen Mann, der zum Ende seines Berufslebens bemerkt, dass er sich Termine und Namen nicht mehr merken kann. Er und seine Ehefrau werden von mir erfahren, dass er an einer „Alzheimer-Demenz“ leidet – eine fortschreitende Erkrankung, die ihm in wenigen Jahren seine Sprache, Orientierung und sein Gedächtnis rauben wird. Dieser Prozess wird die letzten Jahre seines Lebens prägen. Wir sprechen auch von einer Frau, 65 Jahre alt, die sich eigentlich in vollständiger Gesundheit wähnt. Nach einer kurzen Episode mit Kopfschmerzen und einer Wesensänderung wird sie erfahren, dass sie einen Tumor im linken Frontallappen hat. Ihr werde ich sagen, dass es sich um ein Glioblastom handelt. Wir werden diesen Tumor behandeln, aber ihr Leben wird vermutlich in einem Jahr enden. Auch der Tochter, die kurz vor Ende ihres Studiums steht, übermittle ich diese Nachricht.
In den letzten fünf Jahren meiner neurologischen Ausbildung habe ich gelernt, die Symptome von neurologischen Erkrankungen durch Gespräch, Untersuchung und mithilfe der technischen Möglichkeiten meiner Zeit zu erkennen, zu beschreiben und zu interpretieren. Ich habe gelernt, all diese Informationen zu einem Ganzen zusammenzutragen und den Erkrankungen einen Namen zu geben. Zuletzt habe ich gelernt, diese Erkrankungen nach bestem Wissen und Gewissen einer wirksamen Therapie zu unterziehen. Wenn ich diese Kenntnisse in einem Jahr unter Beweis stellen kann, so werde ich wahrscheinlich meine Prüfung bestehen.
Es wäre absurd und falsch zu behaupten, dass dies keine unverzichtbaren Fähigkeiten für meinen zukünftigen Beruf wären. Wer soll sie sonst leisten? Besteht unser Beruf nicht zu großen Teilen auch aus den Momenten, die sich zwischen diesem „Erkennen und Behandeln“ abspielen.
Ich meine beispielsweise die Momente, bevor ein Patient überhaupt das erste Mal vor uns steht. Vielleicht merken unsere Patienten, dass sie ihren Arm, mit dem sie die Welt um sich herum gestalten, nicht mehr bewegen können? Vielleicht können sie nicht mehr sprechen? Mit niemandem, außer mit sich selbst? Wir nennen dies Parese oder Aphasie. Unsere Patienten nennen dies Gefangensein und Einsamkeit. Unser Beruf besteht auch aus den Momenten, die genau dann beginnen, nachdem die Diagnose von unseren Lippen gefallen ist. Wenn wir in dem Gesicht unseres Gegenübers diese eigenartige… Blässe sehen. Dieser angespannte Blick, dieser Versuch die Fassung zu bewahren, diese Hoffnung in den Augen, die nicht einmal weiß, auf was sie sich eigentlich berufen soll. Diese Augen, hinter denen sich ein ganzer Sturm an Befürchtungen und Fragen verbirgt – Fragen, die sie oft aus Scham und Ohnmacht nicht einmal stellen werden. Werde ich im Rollstuhl enden? Werde ich inkontinent sein? Werde ich dement werden? Werde ich bald nicht mehr atmen können? Werde ich noch arbeiten können? Muss mein Partner mich bald pflegen? Diese Fragen werden sie sich auch zuhause stellen, wenn sie allein in ihrem Bett liegen.
Das Facharzt-Curriculum legt einen immensen Wert darauf, dass ich weiß, was eine Multiple Sklerose, eine Alzheimer-Demenz oder ein Glioblastom ist – es legt wenig Wert darauf, was diese Erkrankungen bedeuten.
Wenn es um den Umgang mit diesen Situationen geht, dann wird oft gesagt, dass dies die „soft skills“ unseres Berufs seien. Es ist auffällig, dass selbst die Bezeichnung „soft skills“ etwas… Nebensächliches, Zweitrangiges, fast schon Minderwertiges an sich hat. Diese „soft skills“ verstehen sich als nette Ergänzung zu den „hard skills“: den diagnostischen und therapeutischen Kenntnissen, das, „worauf es am Ende ankommt“, das, „was am Ende Leben rettet“. Aber ich frage mich, wie „soft“ ist es eigentlich, in das sorgenerfüllte und orientierungslose Gesicht der jungen Frau zu blicken, die nun für den Rest ihres Lebens mit einer neurologischen Erkrankung zu tun haben wird? Wie „soft“ ist es, einem Mann beizubringen, dass er das verlieren wird, was wir im Westen mit unserem Selbst gleichsetzen, unserem „Mensch-Sein“? Und wie „soft“ ist es, einem Menschen zu erklären, wie es sein kann, dass er aus völliger Gesundheit heraus von einem Tumor heimgesucht worden ist, keine Heilung in Aussicht steht und nun ein rasanter Prozess des neurologischen Verfalls auf ihn wartet?
Der übliche Umgang mit diesen „soft skills“ hat sich ins Private verschoben: Wir besprechen diese Situationen (wenn überhaupt) mit Kollegen, Freunden, unserer Familie, manche mit ihren Psychotherapeuten. Oft werden wir dort mit ebenso viel Überforderung und Scham begegnet: „Damit muss man halt irgendwie umgehen lernen…“, „Tja, so ist halt das Leben!“ oder man erhält nicht einmal diese leeren Floskeln, sondern nur ein überfragtes Schulterzucken. Es scheint, als herrsche ein stiller Konsens darüber, dass jeder seinen eigenen Umgang damit finden muss. Ich halte es für auffällig, dass wir in der Neurologie oder Medizin im Allgemeinen einen großen Aufwand betreiben, unsere Diagnostik und Therapie mittels Leitlinien und Protokollen bis ins Absurde zu vereinheitlichen, aber dass wir uns bei diesen „soft skills“ auf vollständige Strukturlosigkeit und Eigenständigkeit berufen.
Nun, es wäre zu extrem zu behaupten, dass diesen Themen in der modernen Neurologie gar keine Bedeutung beigemessen wird. Was aber die Umsetzung angeht, besteht gelinde gesagt… Verbesserungsbedarf. Lassen Sie mich ausführen: Zum einen ist mir aufgefallen, dass inzwischen Teilbereiche in der Medizin entstanden sind, die den Geist eben jener Momente beheimaten. Diese Bereiche spezialisieren sich auf „Patientenkommunikation“ oder „Arzt-Patienten-Beziehung“. Es gibt heutzutage sogar gesamte Fachdisziplinen, die für sich beanspruchen, Experten auf dem Gebiet der „Bedeutung von Erkrankungen“ zu sein, allen voran die Palliativmedizin oder die Psychosomatik.
Ich erinnere mich an viele absurde (und alltägliche) Situationen in meinen Visiten, wenn man einem sichtlich belasteten Patienten begegnet und wir reflexartig ein „psychosomatisches Konsil“ anordnen. Es geschieht (in der Regel) nicht aus Gefühlskälte oder Zynismus, sondern aus einer akzeptierten Idee, dass man die „hard skills“ der Neurologie von den „soft skills“ nicht nur theoretisch, sondern auch beruflich abspalten kann: Der Neurologe ist für die „harte“ Diagnostik und Therapie zuständig, der Psychosomatiker für all das „softe“ davor, dazwischen und danach. Die Frage, was wir dabei verlieren, wenn sich eine völlig fachfremde Person um die Bedeutung einer neurologischen Erkrankung für das Leben eines Patienten kümmert, wird hierbei selten gestellt.
Ein übliches Argument, dem man hier begegnet ist, dass die „Medizin heutzutage so groß und komplex ist“, dass „ein einzelner Arzt unmöglich alles leisten kann“. Obwohl ich die Argumentation nachvollziehen kann, muss ich mich fragen, wie sich eine moderne Neurologie versteht, die es möglich, richtig und vernünftig hält, das menschliche Erleben ihrer Erkrankungen aus ihrem Kompetenzbereich auszuklammern. Ich möchte mich auch fragen, ob dies tatsächlich geschieht, „weil die Medizin heutzutage zu groß und komplex ist“, oder ob dies eine angenehme Rationalisierung dafür sein könnte, dass man nicht fähig oder willens ist, diese Ebene in sich selbst zuzulassen, geht sie doch mit sehr viel Schmerz, Verletzbarkeit und Demut einher – nicht unbedingt Dinge, die es in einem Krankenhaus sehr einfach haben. Und schließlich möchte ich mich noch fragen, ob nicht eben dieses Selbstverständnis, dass man Erkrankung von Bedeutung abspalten kann, maßgeblich dafür verantwortlich sein könnte, dass Patienten unserer modernen Medizin immer weniger vertrauen, die Therapieempfehlungen nicht mehr umsetzen oder sich vollständig alternativen Heilverfahren zuwenden. Mir ist bewusst, dass dies Hypothesen sind – aber ich finde, es sind berechtigte Hypothesen.
Es gibt auch fortschrittlichere Entwicklungen. Ich habe die oben genannten Kurse zur „Patientenkommunikation“ oder „Arzt-Patienten-Beziehung“ erwähnt, die zumindest einsehen, dass auch Neurologen selbst diese „soft skills“ beherrschen sollten, statt sie anderen Fachbereichen zu delegieren.
Ich erinnere mich an einen Vortrag, in dem es um die „5 Schritte zum Überbringen einer schlechten Nachricht“ ging. Nun, die entscheidende Empfehlung in dem Vortrag war, dass wir zukünftig ein „Merkblatt“ in unserer Kitteltasche tragen könnten, welches uns an diese 5 Schritte erinnert. Auf diesen Merkblättern lesen wir „ruhige Umgebung schaffen“, „deutlich sprechen“, „Raum für Emotionen lassen“, „Nachfragen stellen“ usw. Dieser Vorschlag hat breite Zustimmung in unserem Team gefunden.
Ist das vom Prinzip her eine schlechte Idee? Überhaupt nicht.
Der entscheidende Punkt liegt aber darin, dass diese Merkblätter uns lediglich dabei helfen können zu verstehen, wie ein bedeutender Moment zwischen Arzt und Patient… aussehen könnte. Wie man die Bedingungen dafür gestalten kann. Aber sie nehmen uns einen entscheidenden Schritt nicht ab: Den inneren Schritt in diese Ebene zu gehen. Was meine ich damit? Es ist schön, wenn wir ein Gerüst für einen bedeutenden Austausch schaffen. Von entscheidender Bedeutung ist aber, dass ich meinem Patienten innerlich… erlaube mich zu berühren, mich zu verändern. Hierfür brauche ich in nicht unbedingt Bedingungen, wie sie auf den Merkzetteln empfohlen werden. Vielmehr ergeben sich diese sich doch natürlich in meinem Alltag und nehmen eine situationsangepasste Gestalt an.
So sehr ich es schätze, dass das Thema gedankliche Anstrengung findet, so sehr sehe ich das Risiko, dass das Thema mit diesen Formalisierungen augenscheinlich als gelöst empfunden wird und wir zunehmend in einer Umgebung arbeiten, in der alles richtig aussieht, richtig klingt, sich richtig anhört, aber nichts richtig… ist. Der Neurologe nimmt sich Zeit, hat eine sanfte Tonlage, spricht klar und deutlich, seine Gesichtszüge sind betroffen und besorgt, aber irgendwas scheint zu fehlen. Ja, wenn sie in seine Augen blicken, dann wirkt alles sehr aufrichtig, sehr echt. Aber irgendwie beschleicht den Patienten das Gefühl, dass er trotzdem nicht wirklich… im Raum ist. Ich frage mich, ist die Einsamkeit eines Kranken nicht dann sogar am größten, wenn er nicht einmal mehr weiß, was ihm eigentlich in diesem Moment mehr fehlt?
Ich möchte zum Ende kommen. Wissen Sie, all diese Dinge, die ich hier anspreche, sind nicht neu. Ganze Generationen an Menschen haben sich mit diesen Themen beschäftigt. Und am Ende des Tages bin ich nur ein weiterer junger Neurologe, der Sie auf darauf aufmerksam macht. Sie mögen sich an dieser Stelle vielleicht auch denken: Das klingt ja sehr vernünftig, aber muss das wirklich alles sein? Reicht es nicht, wenn wir das Problem weiter den Psychosomatikern zuschieben, und uns um die „hard skills“ kümmern, um das, „was am Ende Leben rettet“?
Wissen Sie was? Wahrscheinlich reicht es. Wahrscheinlich kann man eine halbwegs gelungene Berufskarriere haben, ohne sich jemals mit diesen „soft skills“ auseinander gesetzt zu haben. Es wird wahrscheinlich nicht mal vielen Patienten auffallen und Ihre Patienten werden glauben, dass Sie „wirklich keine Zeit“ dafür hatten. Übrigens, die Patienten werden sich die Hilfe, die sie brauchen, am Ende sowieso selbst suchen: bei Freunden, bei ihrer Familie, und die besonders Einsamen unter ihnen im Internet, bei ihren ChatBots usw. Aber ich möchte gerne eine Frage stellen:
Waren Sie schon einmal neurologisch krank?
Korrekt. Sie. Denn in all der Struktur, die uns tagtäglich umgibt, vergessen wir manchmal, dass unser Leben so fragil ist wie ein hauchdünnes Glas, und dass wir in jeder Sekunde entlang unseres eigenen Abgrunds spazieren. Nun, ich hoffe inständig, dass mich und Sie niemals eine neurologische Erkrankung heimsuchen wird. Aber stellen Sie sich, nur für einen kleinen Moment, vor es könnte auch Sie treffen.
In welche Augen wollen Sie dann blicken?
Wollen Sie in die Augen eines Neurologen blicken, der Ihre Hilflosigkeit und Ohnmacht zwar sieht, aber nie gelernt hat, sie zu beantworten, und Ihnen daher eine fachfremde Person schickt, die kein Experte der Neurologie ist? Wollen Sie in die Augen eines Neurologen blicken, der die perfekten Rahmenbedingungen schafft, dass Sie ihren Schmerz teilen können, aber Sie das Gefühl kriegen, dass er nicht wirklich da ist? Oder wollen Sie in diesem Moment in die Augen eines Neurologen blicken, der Sie versucht zu halten, weil er sich von dem Begriff „soft skills“ nicht entmutigt gefühlt hat?
Verlange ich, dass Sie nun zum Heiler, zum Priester werden? Verlange ich, dass Sie sich kopfüber in das existentielle Chaos ihres Patienten stürzen, und dabei selbst untergehen? Nein, damit wäre sicher keinem geholfen. Ich weiß, unser Alltag ist voll und oft nicht mal Zeit für uns selbst. Aber ich möchte vorschlagen, dass wenn Sie das nächste Mal in dieses… blasse Gesicht blicken – Sie wissen, welche Blässe ich meine – kurz innehalten, bevor Sie sich weiterbewegen. Probieren Sie den Moment ernst zu nehmen, als das, was er ist. Nehmen Sie die Hand des Patienten, die er Ihnen entgegen streckt. Ich meine nicht seine physische Hand – ich meine die andere Hand. Geben Sie Ihrem Gegenüber für einen kurzen Moment das, was er in seiner miserablen Position brauchen könnte. Und wer weiß? Vielleicht sind Sie am Ende sogar überrascht, was diese andere Hand mit… Ihnen macht,
Mohamed M. Saleh




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