Als Kinder haben wir die seltsame Gabe, jeglichem Gegenstand Leben einzuhauchen. Wir geben den eigentlich leblosen „Dingen“ unserer Umgebung einen Namen, sogar eine eigene Persönlichkeit, und so reihen sie sich in unsere ganz persönliche verrückte Welt ein. Einer dieser „Freunde“ war die Schaukel auf dem kleinen Spielplatz ganz nah an unserer Wohnung. Von außen betrachtet waren es lediglich zwei starr miteinander verbundene eiserne Stützpfeiler, an dem in der Waagerechten zwei durch Ketten getragene freihängende Sitzbretter befestigt sind. Aber in meinen kleinen Augen war da viel mehr. Das Sitzbrett bestand aus einem schwarzen, geriffelten Kunststoff, welcher mich jederzeit warm und gemütlich in Empfang nahm. Wie in einer Symbiose setzte ich mich auf das Brett und streckte und beugte meine kleinen Beine im schnellen Wechsel: Eine Sprache, die mein eiserner Freund sofort verstand und in dieses herrliche Auf und Ab verwandelte, was mir eine solche Freude bereiten konnte. Jeder, der schon einmal auf einer Schaukel saß, kennt das wohlig-kitzelnde Gefühl im Bauch, wenn sich die Konstruktion wie durch ein Wunder in Bewegung setzt, der Wind einen umhüllt, wir gleichzeitig fallen und gehalten werden. Wie sehr habe ich diese Schaukel geliebt!

Mein eiserner Freund musste viele Ausreißer meiner spielerischen Neugier aushalten. Eines meiner Experimente bestand darin herauszufinden, wie viele Kinder wohl auf einmal auf die Schaukel passten, und wie stark sich der Spaß, den ich doch ohnehin schon empfand, noch steigern könnte. So quetschten wir uns in unterschiedlichster Manier und Zusammensetzung auf das viel zu kleine Sitzbrett und brachten es mit gemeinsamer Mühe ins Schwingen. Wie albern dies von außen ausgesehen haben muss.

Direkt rechts neben der Schaukel war ein hoher brauner Holzzaun, der die Gärten der dort wohnenden Nachbarn schützte. Ich erinnere mich noch sehr genau, wie hoch mir dieser Zaun damals vorkam. Wann immer ich gerade sehr viel Schwung erzeugt hatte, versuchte ich einen Blick hinter den Zaun zu werfen, um herauszufinden, was dahinter vor sich geht – gereicht hat mein Schwung leider nie. Die Nachbarn, die dort wohnten, habe ich nur selten zu Gesicht bekommen, und wenn, dann hinterlassen sie bei mir keine bleibenden Erinnerungen. Ich kann nicht behaupten, dass meine Neugier mich fiebrig werden ließ. Nein, viel mehr fühlte es sich so an, als dass alles, was sich hinter diesem Zaun befand, nicht für mich Winzling bestimmt wäre – als trenne mich dieser Zaun von einer fremden Welt, der Welt der „Erwachsenen“, und als würde es noch eine kaum vorstellbare Ewigkeit dauern, bis dieser Zaun in irgendeiner Art und Weise für mich relevant werden würde.

Wie sehr mich das schwingende Etwas durch mein Leben getragen hat, wird anhand der folgenden Erinnerung deutlich. Als Kind hatte ich, wie viele andere Kinder meiner Zeit, die Angewohnheit, japanische Anime-Serien im Fernsehen zu schauen. Einer dieser Serien, welche mir besonders viel Freude bereitete, hatte den Namen Dragonball. Um die Kinder auf die spannenden Folgen einzustimmen, begann die Serie stets mit einem enthusiastischen und großartigen Lied. Es war gerade eine neue Staffel angebrochen, und die Produzenten haben jeder neuen Staffel ein neues Lied spendiert. In dem Refrain hieß es folgendermaßen:

Du wirst unbesiegbar sein (Der Beste sein)
Deine Zeit wird kommen, der Tag ist nicht mehr weit (Nicht mehr weit)
Was dich stärker macht, bringt dich voran
Du hast es fast geschafft, du wirst zum Mann
Wir sind bei dir und eines verleiht uns die Macht
(Dragon Balls)

Jedes einzelne Wort, jede einzelne Note, jede einzelne Schwingung dieses Lieds haben mein noch so junges und unschuldiges Kinderherz berührt – Und bis heute bin ich der tiefen Überzeugung, dass jedes Kind diese Worte hören sollte. Ehrlicherweise hat mich dies alles so sehr gefesselt, dass ich den unbedingten Willen verspürte, jede Zeile dieses Textes auswendig zu lernen. Ich denke dies war mein Versuch, mit diesem Lied zu verschmelzen, und den Inhalt dieser Worte dadurch zu einem nicht mehr wegzudenkenden Teil von mir zu machen. So schrieb ich mir eines Tages eifrig jede Zeile auf einen weißen Zettel, und lernte, und lernte. Die Energie, mit der Kinder eine Aufgabe angehen können, gekoppelt mit der schieren Freude, die sie dabei empfinden, sind eines der zahlreichen Gründe, weswegen wir neidisch auf die Kleinsten sein dürfen.

Eines Tages, und ich hatte das Lied bereits fleißig studiert, saß ich auf meinem eisernen Freunde und sang. Von außen wird man meinen Gesang kaum gehört haben, doch in meinem tiefsten Innern hätte ich lauter nicht klingen können. Die Zeilen flossen durch meinen Körper, resonierten mit meinem Herzen und gaben den Takt für die kräftigen Schwünge meiner kurzen Beine, die mich höher und höher trugen. Ich weiß, dass ich in diesem Moment fest an jede einzelne dieser Zeilen geglaubt habe – Es war keine Fantasie, es war ein tiefer Wunsch, nein eine klare Erwartung, was mein Leben für mich bereithalten sollte. Ich wollte unbesiegbar sein. Ich wollte ein Mann werden. Ich wollte die Dragon Balls, die bei mir sind, und mich auf diesem Weg begleiten.

Der Auszug stammt aus einem bislang noch nicht veröffentlichten Werk aus dem Genre der „Selbstbiographie“. Die dargestellten Handlungen sind Fiktion und Ziel der Beschreibungen ist kein objektiver Wahrheitsanspruch.

Mohamed M. Saleh

Eine Antwort

  1. Hammerartikel👍👍 Bro👍👍. Ich bin stolz, dass du mein Bruder bist und jetzt bin ich okay mit Animes, dass meine Jungs die auch gucken😂.

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