Der Kindergarten ist ein reicher Ort für wichtige Lektionen und Erfahrungen im Leben eines Kindes. Dieses Terrain ist oft das erste, welches wir außerhalb unseres vertrauten Hauses kennenlernen. Hier und da, zwischen all den Spielereien, ereignen sich Dinge, welche eine solche Wirkung auf uns haben, dass es unmöglich erscheint, dass sich darin keine tiefere menschliche Wahrheit offenbart und an uns herangetragen wird.

Ich erinnere mich an einen Tag, an dem meine Schwester mich vom Kindergarten abholte. Es war ein wunderbarer Tag inmitten des Sommers (und so schön und hell kamen mir die Tage damals häufiger vor). Auf dem Rückweg, während uns die kräftigen Strahlen der Nachmittags-Sonne leicht ermüdend, aber trotzdem noch angenehm ins Gesicht geschienen haben, erzählte ich meiner Schwester von einem ganz besonderen Ereignis meines Tages. Ich befand mich mitten im Spiel mit meinen kleinen Freunden (Inhalt und Art des Spiels tragen nicht zu dieser Geschichte bei). Das Spiel wurde immer wilder und eine unserer Erzieherinnen konnte beobachten, wie es sich langsam aber sicher in ein gefährliches Chaos verwandelte. Um uns vor uns selbst zu schützen, sah sie sich gezwungen einzugreifen, und dem Treiben ein Ende zu setzen.

„Hört sofort mit diesem Schabernack auf!“, mahnte sie uns mit entschiedener Stimme.

„Warum sollten wir denn?“, entgegneten wir ihr, nicht etwa aus trotzigem Protest, sondern tatsächlich nicht ahnend, warum wir das Spiel unterbrechen sollten.

„Na weil ich es gesagt habe, und basta!“

„Basta“? „Schabernack“? Wir beendeten unser Treiben, doch diese zwei lustigen Wörter, die mir völlig fremd waren, beschäftigten mich mehrere Stunden und hinterließen eine unergründliche Wirkung auf mich. Interessanterweise erklärte sich diese Wirkung nicht wirklich durch den Inhalt der Sätze, und die Tatsache, dass unser Spiel dadurch unterbrochen wurde, denn um ehrlich zu sein bin ich mir nicht einmal sicher, ob ich diese Wörter überhaupt verstand. Nein, was meine Aufmerksamkeit fesselte, war neben dem Inhalt vor allem die Art und Weise, und der Ton, mit der die Worte ausgesprochen wurden. Dabei empfand ich zu keiner Zeit irgendeinen Ärger oder eine Trauer, sondern eben jene Aufregung, die wir manchmal empfinden, wenn wir gerade etwas Neues gelernt haben, und noch nicht recht wissen, wie sich diese neue Erfahrung in unsere Welt einfügen soll. Was war es, was diese Begriffe so besonders für mich machten, dass ich sie wie einen Zauberwürfel drehte, wendete, von jeder Seite betrachtete, mit dem Ziel, ihre Bedeutung für mich zu entschlüsseln?

Auf dem Rückweg vom Kindergarten erzählte ich meiner Schwester lebhaft von unserem Spiel, wie es sich entfaltete, und was uns unsere Erzieherin daraufhin gesagt hat.

„Basta?“, fragte meine Schwester halb gelangweilt, die diesen Begriff offenbar nicht kannte oder meine tagtäglichen Erzählungen wahrscheinlich nur als blödes Gequassel abgestempelt hat.

„Ja, basta! Wir sollten aufhören, und zwar basta!“ reagierte ich beinahe fassungslos, und strengte mich dabei ganz besonders an, das Wort „basta“ genauso auszusprechen wie meine Erzieherin. Ich konnte nicht verstehen, dass meine Schwester meine Aufregung für dieses Ereignis nicht nachvollziehen konnte, während es für mich doch so aufwühlend war. Immer wieder verhakte ich mich dabei an den komischen Worten „Schabernack“ und „basta“, und versuchte dabei nicht nur diese seltsamen Wörter, sondern auch die exakte Tonlage und Stimmhöhe zu imitieren, mit der meine Erzieherin sie aussprach.

Warum hat sich diese banale, fast gleichgültige Erinnerung so hartnäckig in mein Gedächtnis eingenistet? Könnte es nicht an den Wörtern selbst gelegen haben, die in ihrer Natur komisch sind? Ich möchte diese Möglichkeit nicht ausschließen, aber würde stattdessen auch gerne eine andere Möglichkeit vorstellen, die erklären könnte, was es mit dem „Komischen“ auf sich hat. Vielleicht war dies ein Zeitpunkt, in dem sich für mich offenbarte, was Wörter sind, und wie sie sich als lebendiger Träger unserer Botschaften verhalten. In den zwei komischen Begriffen, und der Art und Weise wie sie mir zugetragen worden sind, meine ich erkannt zu haben, was meine Erzieherin damit ausdrücken wollte. Das Gefühl der Fürsorge und des Grenzen-Aufzeigens, welches in den Worten „Schabernack“ und „basta“ eingehüllt war, wirkte wahrhaftig, wirkte authentisch auf mich. Ich denke, hätte ich die Fürsorge meiner Erzieherin hinter ihrer Mahnung, und den für sie verwendeten Wörtern, nicht erkannt, so wären „Schabernack“ und „basta“ zwar weiterhin komische Wörter für mich gewesen, doch hätten sie längst nicht die beinahe magische Wirkung erklärt, die ich zu diesen Wörtern empfunden habe. Im weitesten Sinne konnte ich hier möglicherweise erahnen, dass die Wörter, welche wir miteinander austauschen, sich wie Hüllen verhalten, mit denen wir versuchen, unsere Gefühle für unsere Umwelt auszudrücken. Ich bin mir sicher, wäre es kein authentisches Gefühl gewesen, welches unsere Erzieherin ausdrücken wollte, hätten die Wörter für mich wenig Bedeutung gehabt, oder mit anderen Worten: Sie wären leer gewesen. Erst die Verbindung zwischen einem authentischem Gefühl, und dem dafür verwendeten Begriff, haucht den Wörtern Leben ein, oder anders: Macht aus Wörtern Worte.

Für Kinder, die die Welt der Worte erst neu kennenlernen, ist die innere Bedeutung hinter unserem tagtäglichen Gequassel viel näher und erfahrbarer als für Erwachsene. Leider erfahren wir als Erwachsene oft die schmerzhafte Erfahrung, dass unser Innerstes häufig keinerlei Beachtung durch unsere Mitmenschen findet. So eignen wir uns langsam die entsetzlichste, aber auch typischste aller menschlichen Eigenschaften an, die Heuchelei. Eine Welt der leeren Worte, dem „Viel-Reden-Und-Wenig-Sagen“. Wir lernen, Wörter nicht dafür zu verwenden, unser Innerstes vor unserem Gegenüber, und vor uns selbst, zu offenbaren, sondern zu verzerren, und uns somit hinter unseren Wörtern zu verstecken. So machen wir es möglich, dass wir nicht miteinander, sondern voreinander sprechen, und statt eines Ausdrucks unserer Selbst entsteht ein kompliziertes Labyrinth, in dem wir nicht mehr wissen, wie wir hineingekommen sind und wie wir wieder herausfinden können. Kinder sind von all diesen Illusionen glücklicherweise verschont, und ihre Reaktionen auf unsere Sprache könnten uns als exaktes Maß dafür dienen, wie weit wir von uns selbst entfernt zu sein scheinen.

Der Auszug stammt aus einem bislang noch nicht veröffentlichten Werk aus dem Genre der „Selbstbiographie“. Die dargestellten Handlungen sind Fiktion und Ziel der Beschreibungen ist kein objektiver Wahrheitsanspruch.

Mohamed M. Saleh

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