Autor: Mohamed M. Saleh

Wie fühlt es sich an, die Kontrolle über seine dunkelsten Impulse zu verlieren?

Wir empfinden uns in unseren Köpfen oft als nett und harmlos. Sind wir Zeuge von „Bösem“ auf der Welt, erschrecken wir und heben reflexartig unseren Zeigefinger: „Ich würde so etwas niemals tun!“ tönt es aus unseren Köpfen. Und doch scheint es keine Ausnahme, sondern viel mehr die Regel zu sein, dass wir Dinge tun, die nicht harmlos, ja sogar böse sind. Betrug, Lüge, Neid und Aggression sind regelmäßige Affekte unseres Lebens. Gelangen diese Regungen in unser Bewusstsein, zögert unser Gewissen nicht lange und zwingt uns einen Schuldigen zu suchen. Doch allen kreativen Bemühungen zum Trotz bleibt am Ende ein sonderbarer Aspekt, ein kleines Detail, welches nicht so recht verschwinden will und unsere Seele an den Rand der Verzweiflung bringt: Wenn es so falsch war, was wir taten, warum fühlt es sich so wahrhaftig an, wenn wir all die Dinge tun, die wir eigentlich nicht tun?

Der Film Black Swan ist der sechste Spielfilm vom US-amerikanischen Regisseur Darren Aronofsky (auch bekannt für Pi, Requiem for a Dream, The Wrestler, uvm.). Die Hauptrolle wird von der 30-jährigen Natalie Portman verkörpert. Basieren tut der Film auf dem weltberühmten Ballett Schwanensee, untermauert von der unbeschreiblichen Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowski aus dem Jahre 1877. Im Schwanensee wird eine junge Prinzessin, Odette, durch einen Zauberer in eine weiße Schwanenkönigin verwandelt. Nur die Liebe eines Prinzen kann den Fluch brechen und sie aus dem Schwanenkörper befreien. Als der Prinz jedoch Odettes Gegenbild, dem schwarzen Schwan, begegnet, schwört er stattdessen diesem seine ewige Liebe. Als der Prinz dies erkennt, ist das Schicksal beider besiegelt – Ihm wird die Liebe des weißen Schwans verwehrt und Odette bleibt gefangen im Körper der Schwanenkönigin. Da ihr die Liebe als Ausweg verwehrt wurde, wählt sie den Selbstmord, da dies der einzige Weg ist, der ihr bleibt, ihrer lang ersehnten Freiheit näher zu kommen.

Darren Aronofsky inszeniert einen Film, in dem eine unschuldige Ballerina namens Nina Sayers eine traumatisierende Verwandlung in einen schwarzen Schwan vollzieht, um dadurch die Rolle in dem Ballett Schwanensee spielen zu dürfen. In ihrer Seele transformieren sich Scham zu Hedonismus und Kontrolle zu Chaos. Doch was passiert mit dem Seelenleben eines solchen Mädchens, dessen Welt im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf gestellt wird?

Black Swan

In einer Traumfantasie tanzt Nina, eine junge ambitionierte Ballerina, in einem weißen Lichtkegel auf einer dunklen Bühne, bis eine düstere männliche Vogelgestalt aus dem Hinterhalt erscheint und versucht sie zu überwältigen. Erschrocken probiert Nina sich dem Ungeheuer zu entziehen, doch ihre Versuche sind zum Scheitern verurteilt. Beide verwickeln sich in einen fieberhaften Tanz und es entsteht eine spannungsvolle Dynamik, in der die schwarze Vogelgestalt Nina durch die einzelnen Tanzpassagen trägt.

Sichtlich belastet von diesem Traum, wacht Nina in ihrem Kinderzimmer auf. Sie empfindet jenes seltsame Gefühl, welches wir empfinden, wenn wir durch etwas tief entsetzt und gleichzeitig auch fasziniert sind und wir uns diese Gleichzeitigkeit nicht recht erklären können. Sollte ihr der Traum etwa irgendetwas sagen? Manchmal verhält es sich schließlich tatsächlich so, dass uns unsere Träume eine „Ahnung“ sind, auf etwas, was wir tief herbeisehnen, fast schon erwarten, und dass eben jene Erwartungen dann im wachen Zustand das Mysterium unserer Aufmerksamkeit und Konzentration lenken. Anders ließe sich wohl kaum erklären, dass Dinge uns „bewegen“, dass Menschen plötzlich in unserem Leben „erscheinen“. Was auch immer es ist, was Nina wiederfahren ist. Sie spürte, dass dieser Traum nicht ohne Folgen für ihr Leben sein wird.

Nina hat ihr Leben dem Ballett verschrieben, einem Tanz, welcher seine einzigartige Schönheit erst dann entfaltet, wenn er seine Tänzer bis zur Selbstgeißelung treibt. Eben diese Selbstgeißelung verkörpert Nina durch ihr elfenartiggraziles Auftreten auf der einen, und dem von Magersucht gezeichneten Körper auf der anderen Seite. Nina ist eine fleißige Frau, welche mit strenger Selbstkontrolle und Disziplin ihren eigenen Körper zu ihrem Kunstwerk macht. Ihr schlanker Körper wird umrandet durch ihre hervorstehende Knochensilhouette, welche ihr eine zwar abgemagerte, aber fließende Note verleihen. Diese Eleganz wird durch ihr markantes Gesicht ergänzt: Ihre hoch und weit auseinander stehenden Kieferknochen, die vollen roten Lippen und ihre großen, braunen Augen geben Nina eine starke Ausdruckskraft, einen „sanften Willen“, welcher im Kontrast zu ihrem sonst so strengem Körper steht. In tieferer Betrachtung schwingt in ihren Gesichtszügen ein Leiden mit, eine Unterwürfigkeit, welche ihrer Distanz eine Dimension der Nähe hinzuaddiert. Ihr Auftreten erzeugt in uns eine ganz bestimmte Wirkung: Es erweckt den Reiz, etwas Zerbrochenes wieder zusammenzuführen, um Einheit und Harmonie wiederherzustellen. Diese Kontraste verleihen Nina eine besondere Farbe und machen ihre außerordentliche Attraktivität aus.

Aufgewühlt von ihrem Traum taumelt Nina in ihren Tag und macht sich auf den Weg in ihre Tanzschule. Dort angekommen herrscht eine angespannte und gezwungene Stimmung, wie sie für hoch kompetitive Sportarten wie Ballett üblich ist. Eine neue Schülerin betritt den Raum und fesselt Ninas Aufmerksamkeit. Es handelt sich um Lily (dargestellt von Mila Kunis), einer jungen hübschen Tänzerin aus San Francisco. Lily ist ein Gegenstück zu Nina. Ihre Unbeschwertheit und Flexibilität stehen in einem scharfen Kontrast zu Ninas Perfektionismus. Anfangs versucht Nina sich der mysteriösen Person zu entziehen, doch es gelingt ihr nicht, die Augen von Lily zu lassen. Obwohl Nina der neuen Tänzerin noch nie begegnet ist, herrscht in ihr ein eigenartiges Gefühl, Lily von irgendwo bereits zu kennen. Es fühlt sich an, als erblicke sie jemanden, mit dem sie irgendwann im Leben bereits verbunden war, aber dies nun schon so lange her ist, dass sämtliche Erinnerungen an diese Verbindung wieder verflogen sind.

In der Tanzschule wird eine neue Schwanenkönigin für eine Neuinterpretation des Stückes Schwanensee gesucht. Mitten in einer der Tanzproben betritt aus dem Hintergrund ein dominanter Mann mittleren Alters den Raum. Es handelt sich um den Tanzlehrer Thomas. Mit schnellen, kräftigen und rücksichtslosen Bewegungen und bohrenden Blicken durchstreift er die Tanzfläche, als suche ein Wolf gerade seine Beute, und wählt einzelne Tänzerinnen aus, die für die Rolle der Schwanenkönigin infrage kommen. Auch Nina wird ausgewählt und darf ihre Qualitäten demonstrieren. Ninas Tanz ist kontrolliert, detailverliebt, starr, in gewisser Weise perfekt. Thomas ist angetan von diesen Bewegungen, doch stellt er einen entscheidenden Makel fest: Während sie sehr gut für die Rolle des weißen Schwans geeignet sei, fehle ihr die Flexibilität und die Ungezwungenheit des schwarzen Schwans. Der schwarze Schwan bewege sich ganz anders als Nina durch diese Welt – er fällt in das Leben, lässt sich von Stimmungen ergreifen, ist geschwungen und wechselhaft – Eigenschaften, die Ninas Tanz nicht zulässt. Tief gekränkt durch diese Bewertung, muss Nina anerkennen, dass Thomas recht hat. Auf einer intuitiven Ebene ahnt sie, was den schwarzen Schwan ausmacht, doch sie fühlt sich gänzlich unfähig diesen zu verkörpern.

Thomas bemerkt Ninas innere Zerrissenheit und ist davon angezogen. Er versucht als äußerer Impuls auf Nina einzuwirken, um dadurch das in ihr zu wecken, was in ihr geweckt werden möchte. Durch rohe sexuelle Übergriffe probiert er ihr einen Zugang zu ihrer Körperlichkeit zu verschaffen. Trotz aller Überwältigung verhindert ein unergründlicher Teil in Nina sich gegen diesen Mann zu wehren, fast so, als möchte etwas in ihr genau diese Behandlungen. Dass Nina diese Impulse beängstigend findet, erkennen wir daran, dass sie sich in einem ständigen Wechsel zwischen Duldung und Abwehr befindet. In der einen Sekunde lässt sie sich auf das intensive Küssen von Thomas ein, in der anderen Sekunde beißt sie ihm bis zum Blut auf seine Lippen. Diese Schwankungen liegen nicht zuletzt auch in der geringen Wärme begründet, mit der Thomas die junge Frau überfordert.

Parallel zu Ninas immer tieferen Verstrickungen mit Thomas, intensiviert sich auch ihre Beziehung zu Lily. Nina beobachtet Lilys Unbekümmertheit und Standfestigkeit gegenüber den anderen Tänzerinnen, ihr gezieltes Regel-Brechen, welches Nina sich selbst niemals erlauben würde. Anfangs ist Nina von eben diesen Eigenschaften entsetzt, empfindet sie als falsch, unmoralisch, doch immer weniger schafft sie es, ihre tiefe Faszination für diese Taten zu unterdrücken. Ninas Bemühungen sich den anbahnenden Veränderungen zu entziehen sind vergeblich, wie der Versuch, ein brennendes Feuer, nachdem man es erstmal zum Brennen gebracht hat, in einer ganz bestimmten Größe halten zu wollen.

Die sich entwickelnden Verwandlungen rütteln nicht nur an Ninas Emotionen, sondern auch an ihren Wahrnehmungen selbst. Die Grenzen zwischen dem, was Nina sehen will, und dem, was sie tatsächlich sieht, die Grenzen zwischen Innen und Außen, Nina und Lily, Traum und Tag, Halluzination und Realität verschwimmen immer mehr und steigern sich bis zur manifesten Psychose. In den letzten Phasen erleben wir, wie sich nicht nur Ninas Seele, sondern auch ihr Körper verwandelt. Sie entwickelt eine Gänsehaut auf ihrem Rücken, aus der schwarze Federn herauswachsen, die sie sich voller Schmerzen in verstörenden Szenen herauszieht. Die tiefgreifenden Wandlungen spiegeln sich auch in ihrem Tanz wider: Ihre anfangs gespannten Bewegungen werden flexibler, spannender, betörender. Ninas Gesichtszüge verlieren die Note des Unterwürfigen, und in ihren Augen addieren sich Noten einer ganz anderen Art von Kontrolle, einer Art „kontrollierten Kontrollosigkeit„. Ninas Verwandlung erfährt ihren Höhepunkt in einer nächtlichen Drogen-Eskapade mit Lily, die in einer intensiven homosexuellen Szene mündet, in der Nina zum Orgasmus kommt. Was in diesen Erlebnissen noch Realität, Traum, Halluzination oder Wunsch ist, ist weder Nina noch uns Zuschauern noch bewusst.

Inmitten dieser Umbrüche erfährt auch Ninas Beziehung zu ihrer Mutter eine entscheidende Wendung. Ninas Mutter, ebenfalls Ballerina, ist zu einem tiefen Maß in das Leben ihres Kindes involviert. Sie gehört zu jenen Müttern, die so tief und fest in das Leben ihrer Kinder involviert ist, dass man von außen den Anschein einer unglaublich liebenden Verbindung haben könnte. Doch in diesen von außen sehr intim erscheinender Bindung schwingt ein bitterer Unterton mit: Die zwei haben sich so gern, dass es sich verhält wie wenn sich zwei Seelen so eng in einem Kokon wickeln, bis jede unabhängige Bewegung vom jeweils andern schmerzlich registriert wird, und damit die labile Fassade des gemeinsamen Kokons gefährden könnte. Es ist eine Bindung, die sich paradoxerweise aus genau diesem Erdrücken und Ersticken ernährt und aufrechterhält. Es ist eben dieses enge Geflecht, welche Ninas selbstgeißelnde Disziplin und Ambition, und ihr tänzerisches Talent nährt – Der Fakt, dass selbst aus diesem parasitären und selbstzerstörerischen Miteinander, aus dieser dunklen Materie, Leben geformt werden kann, gehört zu den bizarren Eigenheiten des menschlichen Lebens.

Im großen Finale des Films kommt es zur Aufführung von Schwanensee, in der Nina sowohl den weißen als auch schwarzen Schwan verkörpern wird. Von der ursprünglichen Nina ist kaum noch etwas zu erkennen. Ninas Metamorphose verlief nicht flüssig, sondern stolpernd, und war mit ungeheuren Mengen von Angst und Scham verbunden, die enorme psychische Energien in Nina freigesetzt haben. Die Kontrolle, die Nina zu Beginn auf ihren eigenen Körper lenkte, lenkt sie nun als schwarzer Schwan auf ihr Umfeld. Die sie im Traum jagende Vogelgestalt resoniert nun in Ninas Bewusstsein, und die Augen, mit denen sie sieht, sind nun dunkler und blicken in eine ganz andere Welt. In psychotischer Ekstase rammt sie sich zum Ende ihres Lebens eine Scherbe in den Oberbauch, mit der sie fälschlicherweise dachte, eine Konkurrentin zu beseitigen. Verkleidet als weißer Schwan erliegt sie ihren eigenen Wunden– ein Symbol für den Tod des weißen Schwans, der sowohl in Ninas Seele als auch in Ninas Körper endgültig gestorben ist.

Persönliche Bemerkungen

Für Carl Jung ist der Schatten ein Archetyp, und steht für all jene Eigenschaften, die im direkten Kontrast zu unserer Persona stehen. Die Persona ist der Anteil unserer Seele, den wir für präsentabel halten. Gelingt es uns nicht, den Schatten in unser eigenes Selbstbild zu integrieren, so kommt es zu einer schmerzhaften Fragmentierung der eigenen Seele – wir fangen an das „Böse“ im Außen zu suchen, richten unsere psychische Energie gegen das „Böse“ in uns. Weiter zeigt sich eine Vielfalt aus verschiedenen Konflikten, die sich als Neurosen und Hysterien äußern, und in Handlungen manifestieren, die „ganz und gar nicht zu uns passen“. Welch dramatische Folgen eine solche Spaltung hat, erfahren wir an Nina. Ninas Schatten lebt in ihren Träumen, einem Ort, an dem sie ihren Kontrollzwang ablegen muss (nicht umsonst fallen in den Schlaf hinein). Langsam streckt die Vogelgestalt seine Fühler in Ninas bewusstes Erleben und öffnet ihre Sinne für Lily und Thomas. Es ist wie, als hätte sich in Nina ein neues Sinnesorgan herausgebildet, ein drittes Auge, welches eine Welt für Nina eröffnet, die sie vorher nicht sehen konnte.

Friedrich Nietzsche spricht: „Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein“. Im Leben herrscht eine Ambivalenz der Wirklichkeit, die ich die Gleichzeitigkeit der Dinge nenne. Unter genauerem Blick müssen wir den weißen und schwarzen Schwan nicht als Gegensatz verstehen. Viel mehr sind es zwei miteinander verflochtene Realitäten, sie bedingen sich, gehen ineinander über und auseinander her. Es sind diese vermeintlichen Unvereinbarkeiten, welche zu Störungen im Fluss der Seele führen. In anderen Worten: Wozu Nina als gespalten erleben, wenn wir sie auch als komplex erleben dürfen? Öffnet sich dieser Blickwinkel in unseren Augen, so kollabiert das Getrennte in das Atom seiner Herkunft: Es eröffnet sich eine Welt, in der Dinge sind, statt sollten. Nina ist zugleich unschuldig und schuldig, wunderschön und beängstigend, grazil und gefährlich, weiß und schwarz, und das macht den Reiz ihrer Existenz aus.

Mohamed M. Saleh

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