Autor: Mohamed M. Saleh

Wollen wir nicht alle ein ruhiges Leben? Was kann es Schöneres geben als die immer wieder ersehnte Idealvorstellung von Familie, Eigenheim, Kindern, stimulierenden nachbarschaftlichen Verhältnissen, alles in einer sicheren Umgebung – kurzum: eine Idylle. Es ist kaum zu leugnen, dass etwas in unserer Seele genau nach diesen sicheren und stabilen Häfen sucht. Aber merkwürdigerweise lebt noch etwas ganz anderes in uns. Etwas, was all diese Dinge nehmen und sie zugrunde richten will, um sich eben in dem Akt des Zugrunderichtens wieder lebendig zu fühlen. Wir ahnen, und es scheint fast so, als suche Etwas in uns eben diese Sicherheit nicht, nein viel mehr: als wehre es sich sogar aktiv dagegen.

Zeiten des Aufruhrs basiert auf dem amerikanischen Roman Revolutionary Road von Richard Yates. Sam Mendes, ein berühmter amerikanischer Regisseur, hat sich diesen Roman vorgenommen und mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio einen sehr intensiven und emotionalen Film verwirklicht. Nach dem Schauen des Films war ich überwältigt mit Gefühlen und habe nach Analysen im Internet gesucht. Ich habe gemerkt, dass die meisten Menschen diesen Film missverstehen, und deswegen möchte ich meine eigenen Erfahrungen zu diesem Film teilen.

Der Film handelt von der Ehe von April und Frank Wheeler, einem jungen, dynamischen Paar in einer amerikanischen, gut situierten Vorstadtsiedlung. Beide leben in der Straße namens Revolutionary Road. April ist eine professionelle Schauspielerin und Frank arbeitet als Angestellter in einer Werbeagentur („Knox“), in der schon sein Vater gearbeitet hat. Zu Beginn des Films lernt sich das junge Paar kennen: Beide stehen in einem überfüllten Raum und tauschen Blicke miteinander aus. Sie erleben jene magische Anziehung, die wir alle kennen, alle lieben, und die das Material für unzählige romantische Texte ist, und immer sein wird. Aus dieser romantischen Begegnung wird schnell eine Beziehung, kurze Zeit darauf eine Ehe, und kurze Zeit darauf eine Familie mit zwei Kindern, wohnhaft in einem schönen großen Haus inmitten der Revolutionary Road.

Mit der Zeit schleicht sich in das gemeinsame Leben langsam aber sicher eine bohrende Langeweile und Trägheit ein. Wir erleben, wie Frank sein tristes, graues und langweiliges Leben als kleiner Fisch in der riesigen Werbeagentur lebt. Er wird von seinem Vorgesetzten unterdrückt und entwickelt sich als Folge dieser Frustrationen zu einem widerlichen Mann. Wir alle kennen jene widerlichen Menschen aus unserem Alltag. Menschen, die ihre Flexibilität und Spontanität verloren haben, für die Gefühle nichts mehr bedeuten, die Jugendlichkeit als etwas Albernes abtun. Menschen, die ihr Herz in eine tiefe Hülle aus Frust gehüllt haben. Franks Widerlichkeit wird bestärkt durch die regelmäßigen Nörgeleien seiner zunehmend respektlosen und unzufriedenen Ehefrau April, die er zu allem Überfluss zuhause ertragen muss. Um diesen häuslichen Demütigungen zu entgehen, und sein sowieso schon angeschlagenes Selbst zu beschützen, entwickelt er sich zu einem misogynen und ekeligen Mann. Er nutzt seine Machtposition in der Agentur aus, indem er ein junges, dummes, ihm untergeordnetes Mädchen verführt, und mit ihr eine Affäre beginnt. Damit versucht er, sich noch irgendein Gefühl der Kontrolle über sein immer rigider und trister werdendes Leben wiederherzustellen. April führt ein ebenso erbärmliches Leben wie Frank. Ständig unzufrieden verpestet sie die häusliche Wärme und gibt jedem, außer sich selbst, die Schuld an ihrer Unzufriedenheit. Auch in diese Richtung findet eine Verstärkung durch Franks Verhalten statt, und wir erleben, wie zwei Individuen gleichzeitig für eine gewisse Dynamik in ihrer Ehe verantwortlich werden, sodass es in diesem regelmäßigen Hin und Her an Gemeinheiten kaum noch zu unterscheiden ist, von wem eigentlich was ausgeht.

Unsere Seele ist jederzeit organisiert in Chaos und Ordnung, und lebt in der Balance zwischen diesen entgegengesetzten Kräften. Ein Teil in uns sucht stets das Aufbegehren, das Kreieren, das Neue, das Erkunden, während ein anderer Teil in uns den Rückzug, die Ruhe, den Schlaf, die Routine, den Komfort und die Gemeinschaft sucht. Es sind diese zwei konkurrierenden Kräfte, der Kampf zwischen libido und destrudo, die ein Konfliktfeld in der menschlichen Existenz ausmachen. In der seelischen Ausgestaltung der Vorstädte, der Nachbarschaften, unserem alltäglichen sozialen Miteinander manifestiert sich der Wunsch nach Ruhe, Ordnung, dem Gemeinsamen, dem Tod. Es ist dieser Konflikt, der das ruhige und freundliche Miteinander stets eine Note der „Unehrlichkeit“ verleiht, und als Menschen müssen wir lernen, mit eben diesen „Lebenslügen“ umzugehen, und nicht zuletzt mit der größten aller Lügen: Dass wir alle harmonisch nebeneinanderher leben wollen.

April ist ein überaus sensibler und verletzlicher Mensch und es ist diese Sensibilität, die ihr ermöglicht, die seelischen Realitäten ihrer Umgebung in all ihren Ausprägungen wahrzunehmen. April sieht wie die sozialen Höflichkeiten und Ordnungen das Leben des Einzelnen tief unter einer Decke aus Gemütlichkeit begraben. Aprils Seele kann diesem Druck nicht standhalten – ihr Beruf als Schauspielerin ist eine Versinnbildlichung ihres Wunsches, die perfekte Lügnerin zu werden, um in dieser tristen, von Ordnung und Struktur erdrückten Welt ihren Platz zu finden. Doch keine Flucht wird die bestehenden Realitäten ihres Lebens ungeschehen machen, und so leidet ihre Seele in der Suche nach einem Ausweg aus dem Normalen, einem Ausweg, den sie in Frank zu finden sucht.

Frank hat einen jugendlichen, zuweilen intelligenten Charme, und ein besonderes Feuer in sich, eine Eigenschaft, die für Frauen überaus attraktiv ist. Er ist einer, der „anders“ ist, der ausbrechen will. Träumende Mädchen verlieben sich allzu gerne in die Träume eines Jungen. Trotzdem lebt in Frank auch ein anderer Geist: Der Geist seines verstorbenen Vaters. Wie sein Vater hat Frank auch eine gewisse Wertschätzung und einen Wunsch nach Sicherheit, Bequemlichkeit und diese Realitäten sind ebenso Teil von Franks Seele, wie seine Angst davor. Es sind Franks Erfahrungen mit seinem Vater, in denen er hautnah erlebt hat, wie Sicherheit und Bequemlichkeit unser Leben korrumpieren können, die in ihm den großen Wunsch erweckt haben, niemals so zu werden wie er, und ein besonderer Mensch zu werden.

Eines Tages konfrontier April Frank mit den traurigen Realitäten ihres Daseins. April bemerkt, dass sie genau wie alle anderen geworden seien. Sie leben ein geordnetes und ruhiges Leben in einer gut situierten Umgebung, und schlagen sich ihre Zeit mit Geschwätz, Betäubung, Langeweile und Frustration tot. April erinnert sich sehnsüchtig an die Anfangszeit ihrer Beziehung, in der Frank noch diese anziehende rebellische Lebendigkeit ausgestrahlt hat, in die sie sich so sehr verlieben konnte.  April schlägt Frank vor, nach Paris auszuwandern, um so die Ketten des Normalen zu sprengen, und so ihren Lebenswillen und ihre Energie wieder zu erlangen. Frank ist skeptisch gegenüber dem Vorschlag, bemerkt jedoch auch das seltene, für ihn so wertvolle Glühen in Aprils Augen. In April träumerischen Blicken sieht er endlich die Möglichkeit ein wahrer Mann für seine Frau zu sein, und sieht darin auch seine Angst bestätigt, nicht wie sein Vater werden zu dürfen.

Das Paar ist für die nächste Zeit wie ausgewechselt. Die Liebe des Paares, getragen von der Kraft einer neuen Illusion ein für alle Mal der Leere des Lebens zu entkommen, steigert sich bis auf ein beneidenswertes Hoch. April bewundert Frank für sein Rebellieren und seine Träume und Frank genießt die Bewunderung in Aprils Augen. Das unmittelbare Umfeld von April und Frank reagiert sehr skeptisch auf die Rebellen. Sie werden konfrontiert mit Skepsis, Angst, Neid und Sorge: Eben diese ängstlichen Gefühle, die den beiden als Bestätigung dienen, das Richtige zu tun.

Frank findet in seinem Beruf seine Ungezwungenheit wieder, und blüht in seiner eigentlich so trostlosen Arbeit zu neuem Glanz auf. Er bearbeitet Werbeprojekte, welche so herausragend sind, dass sie die Aufmerksamkeit seines Vorgesetzten auf sich ziehen, und ihm eine Beförderung versprechen. Frank kann seine Freude bezüglich der Anerkennung nicht unterdrücken und fängt, an, seine Auswanderungspläne zu hinterfragen. Auf jeden Traum folgt schließlich auch das Erwachen. Er ist unfähig, diese Gefühle der Schwäche mit April zu teilen, und ein Gespräch mit seiner Ehefrau zu suchen. Interessanterweise liegt er nicht falsch damit. Er ahnt, dass April es nicht aushalten würde, und sie ein solches Eingeständnis nicht respektieren würde, und ihn mit demütigenden Blicken strafen würde, die sie ihm auch sonst immer gibt, wenn er Zeichen der Normalität und Schwäche zeigt. In dieser ausweglosen Situation, in die sich Frank nun verfangen hat, entschließt er sich, April zu schwängern. Er plant damit insgeheim, das Kind als Ausrede zu benutzen, den Plan des Auswanderns hinzuschmeißen.

April wird wie erwartet schwanger und überlegt, das Kind abzutreiben, was eine große Eskalation auslöst, da Frank diese Abtreibung abscheulich und widerlich findet. Diese Abscheu hat nichts mit dem Kind selbst zu tun, da Frank das Kind völlig gleichgültig ist, hat er es doch selbst rein für seine eigenen Ziele gezeugt. Sein Entsetzen soll April lediglich einschüchtern und auf Linie bringen.

In der Nachbarschaft der Wheelers wohnt die Familie Campbell, ein älteres Ehepaar mit einem erwachsenen Sohn. Der Sohn John ist ein promovierter Mathematiker und befindet sich seit geraumer Zeit in einer psychiatrischen Klinik aufgrund einer schweren „Störungen des Sozialverhaltens“. Die Campbells sind Menschen, welche die soziale Lebenslüge bis zur Perfektion ausgereizt haben. In Frau Campbell sehen wir keinen Funken Menschlichkeit oder Dynamik, keinen Funken Freiheitswillen, Spontanität oder Chaos, sondern die Perversion sozialer Anpassungsfähigkeit und Konformität: Eine im Kitsch aufgehende, jeglicher Individualität beraubten, tief in sich gekehrten Person, welche keinerlei Zugang mehr zu sich und ihrer eigenen Innenwelt hat. Johns mathematische Begabung erlaubten es ihm, die Matrizen des Lebens zu sehen und zu ergründen. Dass diese Gabe und das Talent unter der enormen Lebenslüge der Campbells nicht gewürdigt und gepflegt werden kann, sorgt bei John zur seelischen Dekompensation und er landet im Irrenhaus. In vielerlei Hinsicht erleben wir jedoch, dass John geistig durchaus nicht irre, sondern im Gegenteil, feinfühlig und intelligent ist. Er ist schlicht und ergreifend nur nicht so begabt im Lügen, wie seine Mitmenschen, weshalb er in einer Gesellschaft, in der das Kranksein normal ist, und die Lüge Grundbedingung friedlicher Ko-Existenz ist, zu den Verrückten gehört.

Mitten in einem Streit der Wheelers betreten die drei Campbells die Szene und schon wird die soziale Lüge wieder zum Leben erweckt. Ruhig und gemütlich am Essenstisch sitzend berichten die Wheelers, dass die Reise nach Paris geplatzt sei, und begründen dies dem erwartetet Kind und den damit einhergehenden finanziellen Verantwortungen. John, unfähig zu lügen, hinterfragt die emotionale Zwischenwelt, die eine ganz andere Realität zu zeichnen scheint. Er konfrontiert Frank mit seiner Rechtfertigung den Plan des Auswanderns hinzuschmeißen, und stellt die goldrichtige Vermutung an, dass Frank das Kind nur als Ausrede nutze, weiter sein träges, langweiliges und spießiges Leben fortführen zu können. Dies trifft einen sehr verletzlichen Kern in Franks, der seine nach Ruhe sehnenden, trägen, normalen Anteile seiner Persönlichkeit nicht annehmen kann. Frank gerät außer sich, und macht eine große Szene, während April leer, enttäuscht und mit einer kaum nachzuempfinden Verzweiflung ins Leere schaut. John blickt April an, und sagt ihr, wie leid sie ihm tue. Er führt jedoch fort, dass auch Frank ihm leidtue, und beide sich gegenseitig verdienen würden. Während Frank April mit seiner Unehrlichkeit, Unsicherheit, fehlenden Standfestigkeit und mangelnder Empathie für ihre Leiden foltert, so quält sie ihn mit nicht zu erfüllenden, unmenschlichen Erwartungen und Anforderungen, ein besonderer Mensch zu sein, was Franks Unsicherheiten nur verstärkt.

Die Konflikte in der Beziehung zwischen April und Frank sind in vielerlei Hinsicht darin begründet, dass sie ihre „Illusionen“ nicht aufgeben können, nicht aufgeben wollen. Frank ist ernüchtert vom pathetischen Leben seines Vaters, und glaubt, wenn er etwas Besonderes ist, dann ist ihm das traurige Schicksal seines Vaters erspart. April ist ernüchtert, da sie die grundlegende, kaum auszuhaltende Realität des Lebens ablehnt, welches immer zugleich aus Wahrheit und Lüge, Liebe und Hass, Leben und Tod besteht. Von den Lebenslügen ihres Umfelds ist sie gekränkt, sieht darin jegliches Leben, jegliche Wahrheit erloschen.

In der Tat gaukeln wir uns tagtäglich vor, dass wir keine Abwechslung, kein Chaos, kein Atmen brauchen, doch nichts könnte unehrlicher sein. In Wahrheit schreit etwas in unserer Seele nach Freiheit, und unsere Seele möchte sich von unserem sie erdrückenden Körper befreien. Diese Spannung, dieser Konflikt, ist es, was das Leben so kompliziert, so kaum auszuhalten macht. Die sich daraus entwickelnde Dynamik in der Ehe der Wheelers ist charakterisiert durch ein ewiges Hin und Her zwischen vollständiger Überzeugung, dass die Illusion aufrechterhalten werden kann, und den notwendigen Enttäuschungen, wenn die Realität ihnen das Gegenteil beweist.

Das herzzerreißende Finale des Films wird nach dieser großen Eskalation des Filmes eingeleitet. Frank wacht am nächsten Tag auf, und fühlt vor, was von dem Chaos und der Aggression des Vortags noch übriggeblieben ist (wie gut wir diesen Morgen nach einem großen Streit doch alle kennen…). Zu seinem Überraschen ist seine Frau freundlich, zugewandt und interessiert an ihm. Sie spielt in nahezu tadelloser Perfektion die Rolle der angepassten, liebenden Ehefrau, fragt ihren Ehemann, was er frühstücken möchte, und bereitet das gemeinsame Essen vor. Das erste Mal im Film fragt April Frank, was er denn eigentlich auf seiner Arbeit tut. Frank ist überrascht, da er nicht damit gerechnet hat, dass April auch nur irgendein Interesse an Franks eigentlichem, inneren Charakter zeigt. Sichtlich entspannt und voller Freude, einmal im Leben wirklich für das gesehen zu werden, was er wirklich ist, nämlich ein ganz normaler Mann, zeichnet er ihr einen Computer auf. Er tut dies mit einem Enthusiasmus, den auch April bemerkt. In ihrem Augen erkennen wir die finale, nun nicht mehr zu leugnende Realität. Es ist der Gesichtsausdruck, den wir machen, wenn alle Versuche, etwas zu vermeiden, missglückt sind, und nun letztendlich das vor uns steht, was wir mit all unseren Mühen und Kräften versucht haben, nicht zu sehen. Der Ausdruck einer puren, bitteren, jedoch endlich zuletzt auch wahrhaftigen Realität. April sieht Frank das erste Mal nicht durch die Brille ihrer Projektion, sondern für das, was er ist: ein ganz normaler Mann, der ebenso normal ist, wie alles, was sie umgibt.

Meiner Meinung nach ist Frank erwachsener und vernünftiger als April. Während Frank in der Lage ist, die Realitäten des Lebens anzunehmen, gelingt April diese Akzeptanz nicht. April wehrt sich bis zum Schluss gegen die Realisation, dass das Leben unweigerlich auch mit dem Tod in Verbindung steht, und dass der Tod unser täglicher Begleiter ist. In dem Komfort, in der Sicherheit, in der Verschmelzung mit dem Ganzen versteckt sich der Tod, den wir mit all unseren Mühen versuchen, unbemerkt und ungesehen zu lassen. April kann diese Form des Lebens nicht akzeptieren. Frank wiederum ist sich diesem Konflikt in April bewusst. Immer wieder im Film blickt er April mit einem empathischen und mitleidenden Blick an, da er nachvollziehen und spüren kann, wie sehr April unter diesem Konflikt leidet. Er probiert ihr zuweilen rührend den Zugang zum Leben zu ermöglichen, indem er ihr sanfte Worte reicht, die von April jedoch in grausamer Art und Weise abgelehnt werden. Viel mehr als das: nicht nur lehnt sie seine Versuche, ihr das Komfortable nahezubringen, viel mehr straft sie ihn mit dem Urteil, dass er wie all die anderen zu sein scheint, und dass er sich dafür schämen sollte. Dies weckt Franks Angst, am Ende wie sein Vater zu enden, den er für seine Rigidität verabscheut hat. Er schafft es nicht, Aprils Ablehnung empathisch zu empfangen und in April eine bemitleidenswerte Person zu sehen, sondern lässt sich von ihr provozieren und so entsteht ein Kreislauf gegenseitiger Verletzungen. Wäre Frank sich seiner eigenen Feigheit und Trägheit, und wäre April sich ihrer Unfähigkeit, das Normale zu akzeptieren bewusster, so könnten beide eine Brücke zueinander schlagen, und die Spannung gemeinsam ertragen.

Dies geschieht jedoch nicht. April bemerkt, dass ihr ganzes Leben bislang nichts anderes als eine Lüge war. Ihr ganzes Leben lang hoffte sie, Frank könnte sie von all dem Normalen, all dem Sterblichen, all dem Toten befreien, und ihr endlich den Beweis liefern, dass es diese Illusion wirklich gibt. Doch Frank kann es nicht, und das gesamte Lügenkonstrukt, was April sich in ihrem Leben aufgebaut hat, fällt in einem einzelnen Moment auf sie zusammen.

In einer mit Worten kaum zu beschreibenden intensiven Szene vollzieht sie den häuslichen Abort in ihrem eigenen Badezimmer. Nach dem furchtbar blutigen Akt geht sie langsamen Schrittes in ihr Wohnzimmer und schaut auf die Revolutionary Road, atmet tief ein, und wir erfahren als Zuschauer das kurze Gefühl, dass April nun endlich befreit ist. Wir sehen Blutflecken, die ihr Kleid herunter laufen ihrem Kleid und langsam den weißen Teppich berühren. Diese Szene schafft ein krankes, jedoch gelungenes und treffendes Bild, dass April erst dann wahre Entspannung erfährt, wenn sämtliches Leben langsam aus ihrem Körper fließt.

Der häusliche Abort bleibt nicht ohne Folgen und April erleidet als Folge starke Blutabgänge, weswegen sie ins Krankenhaus eingewiesen wird. Im Weiteren erfahren wir, wie April den Blutungen erliegt und stirbt. Frank lebt im weiteren Verlauf gemeinsam mit seinen Kindern in einem anderen Haus, und wir sehen in einer letzten Szene, wie er auf einem Spielplatz mit seinen Kindern ist, und verzweifelt, leer und ratlos ins Leere sieht, die Sinnlosigkeit von Aprils Tod erahnend und erfühlend. April konnte Frank aufgrund ihrer Mängel nicht akzeptioeren, doch wir erleben klar und deutlich, dass Frank April zu jeder Zeit geliebt hat.

Es ist ein grobes Missverständnis, in April und Frank ein Opfer und einen Täter zu sehen. Es sind zwei Menschen, die sich liebten, und die ineinander ihre eigenen Probleme und Unzulänglichkeiten zu korrigieren suchten. Ihre Liebe zueinander wollte sie binden, doch ihre eigenen Ängste und Illusionen zerrten sie auseinander. Es waren all die Streitereien, Dramen, Schreie, Schnitte, Tränen, und der Hass der sich zwischen das Paar, und zwischen ihre eigenen Seelen gelegt hat, und die Bindung kontaminierte. Es sind Richard Yates und Sam Mendes, die eben diese gewaltigen seelischen Prozesse gesehen und beschrieben haben, und dafür gebührt beiden großer Dank.

Mohamed M. Saleh

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