Autor: Mohamed M. Saleh

Der Film „Gran Torino“, von Clint Eastwood, beschreibt das Leben des ehemaligen US-Soldaten Walter Kowalsky.

Der Film beginnt mit der kirlichen Bestattung von Walters Ehefrau Dorothy, in der die Hauptfigur, Walter Kowalsky, vorgestellt wird. Zu der Beerdigung erscheinen neben Walter auch seine Familie, bestehend aus einem Sohn, einer Schwiegertochter und drei Enkelkindern. In der Präsentation der Figuren des Films, erhalten wir den ersten Einblick in das unmittelbare soziale Umfeld von Walter. Abfällig und wertend blickt Walter auf seinen Sohn und seine Enkelkinder, welche sich einen Spaß in ihrem Gebet erlauben, es ins Lächerliche ziehen und somit ihr Desinteresse an der Beerdigung und den kirchlichen Werten zum Ausdruck bringen. Die Blicke Walters verraten, wie gekränkt er über diesen offensichtlichen Verfall menschlicher Werte „in seinem eigenen Blut“ zu sein scheint.

Ein junger, siebenundzwanzig-jähriger Priester hält die Grabesrede. Die blumigen, zuweilen weltfremden Umschreibungen des Todes von Dorothy (Zitat: „Der Tod ist bittersüß. Bitter für die Hinterbleibenden und süß für die Verstorbenen.“) hinterlassen bei Walter Unverständnis und Abstoßung. Für Walter wirken die Worte des Priesters verständlicherweise pathetisch, unerfahren, abgehoben und austauschbar. Auf der anschließenden Beerdigungsfeier treffen der Priester und Walter persönlich aufeinander. Der Priester erklärt Walter (den er zum Missfallen Walters mit Vornamen anspricht), dass er Dorothy versprochen habe, sich um Walter zu kümmern und ihn zu bitten, eine Beichte in der Kirche abzulegen. Walter ermahnt den Priester, dass dieser nicht das Recht habe, ihn mit seinem Vornamen anzusprechen, und schafft hierdurch eine sprachliche und somit persönliche Distanz zum Priester. Er weist den Priester darauf hin, dass er nichts von der Institution der Kirche halte und der Priester aufhören solle Walter vom Gegenteil zu überzeugen.

Auf der folgenden Beerdigungsfeier treffen Walter und seine Angehörigen erneut aufeinander und dem Zuschauer werden die zerrütteten und lieblosen Beziehungen deutlich. Es ist zu erfahren, wie Walters Familie nur gering am Versterben Dorothys interessiert zu sein scheinen und sich eher mit organisatorischer, bürokratischer und egozentrischer, aber zu keiner Zeit persönlicher Anteilnahme am Geschehen beteiligen. Walter bemerkt die durchscheinenden Realitäten seines eigenen Lebens, welche in ihm Wut und Zynismus auslösen, Emotionen, die deutlich in Walters Gesicht abzulesen sind.

Schon früh im Film zeichnet Clint Eastwood eine intensiv erfahrbare Figur von Walter. Wir erleben einen ordentlichen, zuweilen rigide wirkenden Mann, gut vereinbar mit seiner Rolle als ehemaliger US-Soldat. Walters Fähigkeit, die subtilen Regungen und Bindungsverhältnisse seiner Umwelt wahrzunehmen, beweisen, dass Walter eine ausgeprägte Sensibilität besitzt. Durch das feinfühlige Beobachten seiner Umwelt und den damit einhergehenden Enttäuschungen und Kränkungen, erkennen wir, dass Walter ein verletzlicher Mann zu sein scheint. Diese emotionalen Realitäten werden in Walter durch seine nach außen vorgetragene Persona in Grenzen gehalten, und lassen sich demnach nur zwischen den Zeilen erkennen. Seine raue, unhöfliche und zuweilen beängstigende Fassade sind das, was in seiner oberflächlichen Präsentation den größten Raum einnimmt. Über die einzelnen Hintergründe dieser für Walter notwendigen Präsentation erfahren wir im Laufe des Filmes mehr.

Wir erkennen früh im Film, wie Walter mit intensiven Erfahrungen umzugehen gelernt hat. Konfrontiert mit inneren Regungen, teilt er diese Gefühle seinem Umfeld mit, und spricht somit seine eigenen Wahrheiten aus. Diese Offenheit macht Walter für seine Umwelt zwar unsensibel, aber gleichzeitig auch authentisch. Walter trägt sein Herz auf der Zunge. Was mir weiter auffällt ist, dass etwas Rohes, Undifferenziertes, und „nach Hilfe Suchendes“ in Walters Zynismus und Pessimismus steckt. Der Wunsch gehört und gesehen zu werden. Es ist eben diese fast schon kindliche Ehrlichkeit, die auch den Zuschauer an Walter binden. Dies liegt nicht zuletzt auch an einer zusätzlichen Note in Walters Auftreten, der Note des Humors. So beleidigend und zynisch Walters Wut auch ist, so können wir nicht ignorieren, wie witzig wir seine Beleidigungen teilweise finden. Es steckt etwas Menschliches, Nachvollziehbares in seinen abschätzigen Kommentaren.

Nach dem Tod Dorothys lebt Walter allein in seinem Einfamilienhaus in einem abgeschiedenen und vernachlässigten Viertel einer US-amerikanischen Großstadt, welche einen hohen Anteil asiatischer Bevölkerungsgruppen beherbergt. Zentrum von Walters Leben und gleichzeitig Titel des Films, ist sein 1972 Gran Torino, ein Auto des amerikanischen Automobilherstellers Ford. Stolz steht sein Auto an der Front des Hauses, im direkten Blickfeld Walters und reflektiert so ins Außen, wofür Walter stehen will: für alte, konservative, traditionelle amerikanische Werte. Ein interessanter Aspekt von Walters Lebensarbeit ist der ausgeprägte Kontrast zwischen seinem Umgang mit seinem eigenen Körper, und seinem Zuhause. Während Walter oberflächlich betrachtet, einen sich selbst vernachlässigenden Lebensstil pflegt, und seinen Körper durch ungesunde Ernährung und hohe Mengen Alkohol und Zigaretten zugrunde richtet, so sorgt er sich doch sehr um sein unmittelbares Umfeld, welches eben diesen Selbstnachlass wieder zu kompensieren versucht. Walter pflegt pedantisch seinen Garten, hat eine riesige Heimwerker-Garage, in der er Kaputtes in Funktionierendes verwandelt, und pflegt tagtäglich sein geliebtes Auto. Ich sehe trotz seines ungesunden Lebensstils keinen Menschen, der sich selbst vernachlässigt. Vielmehr scheint Walter jemand zu sein, der den Zugang zu seinem Körper verloren hat, und seine ausgeprägte Sorge und Pflege des Lebens, ins Außen verlagert hat. Wir müssen erkennen, dass die menschliche Seele keine körperlichen Grenzen kennt, sondern sich durch unser Umfeld verwirklicht. Die pedantische und regelmäßige Pflege eben dieses Umfelds, sind ein Beweis für Walters lebendige Seele und Hoffnung.

Zu Beginn des Films zieht eine eine traditionell-asiatische Familie aus dem primitiven Stamm der Hmong in das Nachbarhaus von Walter ein. Walter, selbst Veteran des USA-Koreakrieg 1950-1953, ist allein beim Anblick des asiatischen Volks angewidert. Die tiefe Distanz, die Walter aufgebaut hat, wird in regelmäßigen, entmenschlichenden Beleidigungen zum Ausdruck gebracht („Schlitzaugen“, „Fischköpfe“). Die Hauptfiguren von Walters neuen Nachbarn sind Tao, ein junger, schwacher, im Herzen jedoch guter Junge mit unglaublich geringem Selbstwert, und seine ältere Schwester Su, eine im Gegensatz zu Tao selbstbewusste und über den Maßen empathische Frau. In direkter Nachbarschaft lebt eine weitere wichtige Figur im Film, Fung (oder wie er sich selbst bezeichnet: „Spider“), der ältere Cousin von Tao. Fung ist der gefürchtete Kopf einer kriminellen asiatischen Gang in der Nachbarschaft.

Eines Tages versuchen Fung und seine Gang, Tao zuhause zu überfallen, und ihn von einem Wechsel seiner Lebensart zu überzeugen. Tao fügt sich den Aggressionen seines Cousins, und stimmt einem sog. „Initiations-Ritual“ zu: Tao soll den 1972 Gran Torino von Walter stehlen, und sich somit dem Respekt der Gang verschaffen. Initiations-Rituale sind evolutionär erhaltene Praktiken menschlicher Gruppierungen und werden in primitiven Gesellschaften rituell zelebriert. Sie dienen der „Mann-Werdung“, dem Abstreifen älterer, kindlicher Weltbilder, und dem Eintritt in eine neue Lebensform. Eines Nachts soll der geplante Raub stattfinden, doch Tao, viel zu ungeübt und unerfahren im Rauben, weckt Walter mitten in der Nacht. Mit einem Gewehr in der Hand erwischt er Tao in flagranti, richtet das Gewehr auf sein Gesicht, wie als ob er es auf einen Schädling richten würde. Im nächsten Moment stolpert Walter, und Tao kann aus der Garage fliehen. Zwei Szenen haben in Walters Sturz besondere Bedeutung. Der beim Sturz abgegebene Schuss und das von Walter ausgehustete Blut auf dem Boden. Ob der abgegebene Schuss die Intention darstellte, Tao wirklich zu erschießen, oder es ein Reflex aus dem Schock des Sturzes war, wird mir nicht klar. Das ausgehustete Blut, kann als Antwort von Walters Körper verstanden werden, dass schon „zu viel Blut in seiner Seele“ gestaut ist, und das Blut eines weiteren toten Opfers nicht vertragen könnte.

Die Schikanen von „Spider“ hören an dieser Stelle nicht auf, und so kommt es einige Tage nach dem gescheiterten Initiations-Ritual zu einem weiteren Besuch bei Tao, in der es aufgrund der Resistenzen Taos Familie, den jüngsten Sohn an Fung zu verlieren, zu einem Handgemenge kommt. Dieses Handgemenge nimmt einen solchen Raum ein, dass auch Walters persönliche Sphäre betroffen ist, und der Kampf sich auf Walters Garten fortsetzt. Walter, nicht glücklich über diesen Eintritt in seine Sphäre, stürmt nach draußen und richtet sein Gewehr auf die Eindringlinge. Walters Entschlossenheit seine Sphäre und somit seine persönlichen Grenzen mit jedem einzelnen Mittel, einschließlich dem Mord, zu verteidigen, wird jedem Beteiligten, und auch dem Zuschauer, deutlich. Imponiert und eingeschüchtert von Walters Wehrfähigkeit, flüchten Fung und seine Gang, da sie ahnen, dass sie mit Walter nicht spaßen sollten.

Die Zurschaustellung Walters Wehrfähigkeit hat deutliche Folgen für sein Leben. Seine Taten sprechen sich in der Nachbarschaft herum, und er erfährt tiefen Dank. Er wird in den folgenden Tagen von Geschenken und Danksagungen überhäuft. Walter selbst ist überzeugt nicht aus Nächstenliebe gehandelt zu haben, und dies spiegelt ein häufiges Missverständnis des Wortes Nächsten wieder. In vielerlei Hinsicht ist der Nächste unser Nähester, die Liebe zu unserer eigenen Persona, denn wer liest diesen Text hier gerade, und wer ist dieses Ich in unserem Kopf?

Wie eng diese beiden Konzepte miteinander verwoben sind, zeigt die folgende Szene. Su ist auf einem Date mit einem irischen Klassenkameraden. Beide stoßen auf eine Gang bestehend aus drei Dunkelhäutigen, welche die Gelegenheit nutzen, das Paar zu provozieren. Sus Date, geblendet von kindlicher Naivität, probiert mit einer „brüderlichen Annäherung“ den Respekt der Aggressoren zu bekommen. Dies stößt (logischerweise) auf Widerstand bei den Aggressoren, welche die Verunsicherung in der paradoxen Aktion wahrnehmen, und beide Personen nun als potenzielle Opfer definieren. Su, aus einem ganz anderen Holz geschnitzt als ihr pathetisches Date, lässt sich nicht einschüchtern und probiert sich zu wehren. Trotzdem scheint die Situation aussichtlos, da die physische Schwäche von Su sie trotz ihres seelischen Mutes nicht befreien kann. In dem Moment, in dem die Eskalation des Konflikts sich gerade aufbauen möchte, betritt Walter die Szene. Verunsichert und im inneren Kampf, ob er die Situation ignorieren soll, und die widerlichen Geschehnisse dieser Welt damit ertragen, entschließt er sich beim Anblick der groben Ungerechtigkeit einzuschreiten. Er begrüßt die Aggressoren mit schneidenden Beleidigungen („dreckige Bongos“). Die drei Schwarzen sind sichtlich irritiert und können diesen neuen Widersacher nicht einschätzen – sie überhäufen ihn mit einem Haufen Beleidigungen und provokanten Aussagen, um abschätzen zu können, wer da vor ihnen steht. Walter, unbeeindruckt von diesen leeren Aussagen, verliert nach einiger Zeit die Geduld und zieht einen Revolver aus seiner Jacke. Erneut zeigt sein Blick die nicht misszuverstehende Entschlossenheit, wenn es sein muss, zu schießen, und schnell wird klar, wer hier der eigentliche Gangster ist. Er schafft es, die Aggressoren mit dieser Geste ausreichend einzuschüchtern, sodass sie fliehen. In dieser Szene erleben wir, wie Walters anfängliche Nähestenliebe sich durch die Reaktion seines Umfelds rasch in vollständiger Nächstenliebe manifestiert.

Als Zuschauer bin ich in einer kaum auszuhaltenden Ambivalenz gefangen. Walter besitzt eine beneidenswerte Entschlossenheit, in so einer aufgeladenen Situation ohne Angst um seines eigenen Lebens, schießen zu können. Dieser Mut reicht aus, die Gewalt der Aggressoren zu neutralisieren. Es sind Walters Kriegserfahrungen, und ironischerweise auch seine Verbitterung, die ihm diesen beneidenswerten Mut geben. Im echten Leben stößt man mit einer solchen Einstellung jedoch oft an Grenzen, nämlich dann, wenn das Gegenüber noch weniger am Leben hängt als man selbst. Nichtsdestotrotz bleibt eine gewisse Begeisterung in der Effektivität und der Unberechenbarkeit von Walters Charakter.

Die Rückfahrt, in der Walter und Su aufeinandertreffen, führt die erste persönlichere Konfrontation der Charaktere ein. Sus Empathie, aber gleichzeitig auch ihre innere Stärke, erlauben es ihr, tiefer in Walter zu blicken. Sie bedankt sie sich bei Walter für seine Hilfe und der Zurschaustellung seiner Menschlichkeit, die ihm selbst nicht bewusst zu sein scheint. Dass diese Worte in Walters Herzen ankommen, beweist seine weitere Teilnahme an dem Gespräch. Er stellt Su ironische, abschätzige Fragen über ihre Herkunft. Die Teilnahme am Gespräch, welches den Bindungswunsch zeigt, und die Beleidigungen, welche das zu bindendes Objekt wieder wegdrücken, sind typisch für Walters Wesen. Su, diese Ambivalenz erkennend und einfühlend, lässt sich von der halbherzig aufgebauten Distanz nicht beeindrucken und ist in der Lage, die Abwehrhaltung Walters gekonnt in seinen Charakter einzuordnen. Sie probiert Walter zu zeigen, dass auch sie den gleichen Sarkasmus und Zynismus beherrscht. Beide treffen sich auf dieser Ebene und können eine Verbindung herstellen. Sie legt die aggressiven, beleidigenden Kommentare von Walter zur Seite, unterwirft sich kontrolliert seiner aufgebauten Distanz, bleibt dabei jedoch zu jeder Zeit liebevoll und herzlich. Diese empathische Balance, die Sus mütterliche Qualitäten demonstrieren, entlocken Walter ein authentisches Lachen. Su wird belohnt mit einem für Walter seltenen anerkennenden Kommentar („Weißt Du, Du bist eigentlich ganz in Ordnung!“). Der erste Samen einer liebevollen Beziehung wurde gepflanzt.

Im Folgenden veranstaltet Su ein Familienfest, welches Walter mit seiner für ihn üblichen Abscheu und Distanz beobachtet. Su fragt Walter, ob er ihr „Ehrengast“ auf der Familienfeier sein wolle, was Walter initial abwehrt. Als Walter jedoch merkt, dass er kein weiteres Bier mehr in seinem Eisfach hat, und Su ihm Bier anbietet, erbarmt sich Walter und gibt dem Besuch eine Chance. Ich lasse das an dieser Stelle unkommentiert.

Angekommen im Hause der Familie von Su und Tao, betritt Walter eine Sphäre, die er unangenehm findet und dessen Wirkungen er sich mit üblichen distanzierenden Beleidigungen und Unterscheidungen abzugrenzen versucht. Das fremde Gebiet distanziert durchforstend, kämpft sich Walter zum Kühlschrank durch und ist beruhigt, dass die „Fischköpfe“ wenigstens auch Flaschenbier trinken – die erste für Walter sichtbare Gemeinsamkeit mit dem Fremden. Su begleitet begleitet Walter in den Keller des Hauses, wo die Jugendlichen ihren Abend verbringen. Auch Tao ist im Keller anwesend, isoliert von den anderen, und nicht am sozialen Spiel teilnehmend. Walter bemerkt, dass ein hübsches und beliebtes Mädchen (Juja) Tao beobachtet und romantisches Interesse an ihm zu haben scheint. Tao, ahnungslos, wie er eine solche soziale Herausforderung angehen soll, ist zu eingeschränkt, um diesem Angebot des Lebens eine Chance zu geben. In einer nächsten Szene erleben wir, wie Walter und Tao zum ersten Mal miteinander interagieren, nachdem Tao versucht hat, Walters Gran Torino zu stehlen. In einer Serie von humorvollen Beleidigungen und Demütigungen probiert er Tao klarzumachen, dass dieser mehr aus seinem Leben machen müsse, „ein richtiger Mann“ werden solle. Tao erfährt hierbei eine seltene Erfahrung: Er wird von jemandem gesehen. Diese Aufmerksamkeit, dieses Gesehen-Werden, ist bedeutender als die unsensiblen Worte, in die sie gehüllt ist. Menschen hüllen ihre Bindungswünsche oft in Worte, die oberflächlich betrachten unverträglich sind. Worte sind jedoch lediglich „Verpackungen“, ein Schutzschild für den emotionalen Inhalt unseres Herzens, welche die Bindungswünsche nach außen tragen. Die Tatsache, dass Walter Tao beleidigt und demütigt, impliziert auf paradoxerweise auch, das Potenzial, welches Walter in Tao zu sehen scheint. Auch Tao erkennt, dass er durch Walters Aufmerksamkeit plötzlich Gestalt annimmt, und kann dadurch die unsensiblen Worte Walters ignorieren – durch das Zuhören, und Wirken-Lassen Walters Bindungsversuche entsteht eine neue Bindung, ein neues Leben. Dies sehe ich als einen Beweis eines üblichen Paradoxon im Leben, dass auch in Zuständes des tiefen Hasses und tiefer Aggression neues Leben heranwachsen kann.

Die entstandene Bindung möchte sich im weiteren Verlauf fortentwickeln. Tao bittet Walter einige Tage nach der Familienfeier, als Wiedergutmachung für seinen versuchten Raub, für eine Woche bei ihm zu arbeiten. Walter, vorerst ablehnend dieser Idee gegenüber, knickt am Ende ein, und stimmt zu. Tao wird beauftragt, das Dach und die Regenrinne des Nachbarhauses zu reparieren, da sich Walter schon lange an der schmutzigen und zerstörten Fassade stört. Angeleitet von Walter, schafft es Tao, die Arbeiten, welche über die Woche anfallen, effektiv und sauber zu erledigen. Am letzten Tag erleben wir, wie sich Walters Erkrankung zuspitzt, und er eine beängstigende Menge an Blut aushustet. Walters innere Hilflosigkeit, und der tiefe Wunsch nach authentischer Unterstützung, und auch Walters Hoffnung in der sich entwickelnden Freundschaft mit Tao, werden deutlich. Walter besucht eine Arztpraxis, in der überwiegend asiatisches Personal angestellt ist, was sich für Walter verständlicherweise befremdlich erweist. Sein vertrauter Hausarzt, Dr. Fridman, wurde durch eine neue, distanziert anmutende, „neumodische“ Ärztin ersetzt. Ich erfahre nichts von Walters Diagnose, erahne jedoch, dass es sich hierbei entweder um ein Krebsgeschwür der Lunge oder um eine Tuberkulose handeln müsste. In Angst und der Notwendigkeit, in diesen Zeiten gehalten zu werden, ruft er aus Verzweiflung bei seinem entfremdeten Sohn an. Ungewöhnlich weich und verletzlich fragt Walter nach den Alltäglichkeiten des Lebens seines Sohnes. Dieser versucht, das Gespräch zu beenden, wohlmöglich aus Angst vor einer weiteren, zu erwartenden Kränkung durch die typischerweise scharfen Worte seines Vaters. Das Telefonat wird beendet, und in Walters Gesicht erkennt man offen das Gesicht eines Suchenden, eines Fallenden, eines Ängstlichen. Walter, konfrontiert mit Krankheit und gleichzeitig seiner selbst verursachten Unfähigkeit, in diesen schweren Momenten von liebenden Menschen gehalten zu werden, erzeugen in mir ein schwer auszuhaltendes Gefühl des Mitleids.

In den folgenden Szenen erleben wir, wie die Bindung zwischen Tao und Walter sich weiterentwickelt. Tao ist es gestattet, in die Garage von Walter einzutreten, und Walter beim Arbeiten zu beobachten. Tao blickt ehrfürchtig auf die Werkzeugsammlung von Walter, welche er stolz als sein „Lebenswerk“ bezeichnet. Im Gespräch weist Walter Tao darauf hin, dass er es durch harte Arbeit auch schaffen könnte, sich eine solche Sammlung zuzulegen. Tao widerspricht Walter, und weist ihn auf die traurige Realität hin, dass manche Menschen in Umständen aufwachsen, in denen sie keine Chancen der Verwirklichung erhalten – eine Hoffnungslosigkeit, die auch den stärksten Geist erschlagen können. Walter bemerkt die traurige Wahrheit in Taos Worten. Walter teilt daraufhin sein handwerkliches Wissen mit Tao, und führt ihn in die Welt des Reparierens und Handwerkens, also Walters Welt, ein. In dieser Dynamik treten Walter und Tao in die archetypische Welt des Vaters und des Sohnes ein.

Im nächsten Abschnitt des Films sehen wir, wie Walter Tao zu seinem italienischen Stammfriseur mitnimmt, mit dem ein für Männer typisches Verhältnis pflegt. Walter und sein Friseur begegnen sich auf der Ebene des rauen Spiels. In dieser Art des Spiels testen Männer gegenseitig ihre Grenzen, lernen ihre Aggressionen am anderen Objekt kennen, und lernen gleichzeitig, Aggressionen des Gegenübers auszuhalten. Es entsteht eine Vertrautheit, und gleichzeitig auch eine basale Ebene menschlicher sozialer Interaktion, auf die weitere, komplexere soziale Ebenen aufgebaut werden können. Väter sind für Söhne für diese Entwicklungsebene unverzichtbar, denn sie bringen dem Sohn damit bei, die eigenen Aggressionen in einer kontrollierten Ebene austragen zu können. Tao, welcher keinen guten Vater hatte, hat dieses Sozialverhalten nie erlernen können, weswegen es ihm an notwendigem „Biss“ fehlt, respektable Beziehungen zu anderen Männern, und dementsprechend auch zum archetypischen Mann in sich selbst, aufzubauen. Beim Friseur angekommen, beobachtet Tao das spielende Beleidigen und Demütigen von Walter und seinem Friseur. Walter befiehlt Tao daraufhin, auf eine ähnliche Art und Weise mit dem Friseur zu sprechen. Tao gibt dem Ganzen einen ersten Versuch, betritt den Laden, und beleidigt den Friseuren als „scheiß Wichser!“, woraufhin dieser ein Gewehr zieht, und es auf Tao richtet. Gerügt durch seine schlechte soziale Kalibrierung, soll Tao es erneut versuchen. Er betritt den Friseur-Laden erneut, beleidigt zum Überraschen von allen Beteiligten den Friseur erneut, aber schließt dieses Mal in einer selbst-erniedrigenden Bemerkung ab („Man, ihr glaubt nicht wie mir der Arsch weh tut von den Jungs auf dem Bau“). Diese Form des Beißens, aber gleichzeitig auch des Offenbarens eigener Schwächen und Unzulänglichkeiten ist das Geheimnis eines rauen Spielens zwischen Männern. Durch die Offenbarung eigenen Unzulänglichkeiten („Angriffsflächen“, die in der Tierwelt oft durch das offene Zurschaustellen von vulnerablen Bereichen wie der Bauchregion bei Wildkatzen) wird dem Gegenüber gezeigt, dass es sich um eine spielerische Form des Annäherns handelt, und somit eine imaginäre Hand ausgestreckt. Wie gut dies Tao gelingt, zeigt die Reaktion des Friseurs, welcher aufgrund von Taos lustigem Kommentar in ein herzliches, authentisches Lachen übergeht.

Tao ist ein schneller Lerner. Er schafft es, im folgenden Job-Interview beim Bauunternehmen von Walters irischem Freund, seine neu gelernten sozialen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Mit seinem Kommentar über die Halsabschneider, die ihm „anderthalb Riesen“ für die Reparatur seines Autos „abgezockt“ haben, schafft er eine direkte Ebene mit dem irischen Chef des Bauunternehmens, welcher dadurch bemerken kann, dass Tao jemand ist, der seine Probleme versteht, auf dem Boden geblieben ist, und mit dem eine echte, vertrauensvolle und authentische Bindung möglich zu sein scheint. Er erhält den Job nicht zwingend aufgrund seiner fachlichen Eignung, sondern viel mehr, da Tao dem neuen Arbeitgeber sympathisch zu sein scheint. Auch in dieser Szene wird dem Beobachter deutlich, dass menschliche Bindung und Kooperation viel mehr auf dem gemeinsamen Mensch-Sein, auf dem gemeinsamen Erfahren der Welt beruhen, statt auf Oberflächlichkeiten, auf die wir uns in Bewerbungsgesprächen viel zu oft konzentrieren.

Was mir in der Dynamik zwischen Walter und Tao auffällt ist der Ton, mit dem Walter Tao begegnet. Regelmäßig beleidigt Walter Tao mit emaskulierenden Begriffen wie „Weichei“, „Hosenscheißer“ oder „Schwuchtel“. Diese Form des Umgangs, wird in unserer heutigen Gesellschaft als „toxisch“ bezeichnet, doch in der Beziehung zwischen Walter und Tao merken wir, dass die Bindung, die sich zwischen beiden aufgebaut hat, diese offensichtliche Aggression aushalten kann. Tao schafft es, die Gewalt effektiv in den Charakter von Walter einzuordnen, ihr somit einen Rahmen zu geben, und den Bindungswunsch dahinter zu erkennen. Es ist Taos Intelligenz und Walters durchscheinende Liebe, welche diese labile Form der Bindung aufrechterhalten können. Während Tao einen Vater gewinnt, gewinnt Walter einen Sohn.

Die archetypische Beziehung zwischen Vater und Sohn ist in ihrer Essenz konfliktbehaftet. Der Vater steht im Konflikt, dem Sohn einerseits Raum zur Entfaltung zu gewähren, andererseits jedoch auch, unreife, und für den Sohn hinderliche Qualitäten abstreifen zu wollen. Es entsteht eine Bindungsqualität, welche mit „Ich liebe dich, also halte das aus“, beschrieben werden kann. Väter übernehmen in dieser Form der Beziehung oft eine Beweisführung. Indem Väter beobachten, wie ihre Söhne die Stürme des Zynismus aushalten, und trotzdem eine liebende Bindung aufrechterhalten, beweisen sie den Vätern gleichzeitig, dass Liebe selbst die dunkelsten Momente überleben kann. Ich möchte an dieser Stelle insbesondere das Element des Gesehen-Werdens hervorheben. Tao zeigte sich von außen als unangenehm-schüchterner Junge mit geringem Selbstwert, der tief in seiner Hilflosigkeit gefangen war. Dies stand in starkem Kontrast zu seinem Arbeitseifer im Alltag, und seiner inneren Resilienz. Walter zeigte einen verblüffend ähnlichen vernachlässigenden Umgang mit sich selbst, der sich bei Walter in aktivem Zynismus, statt in Resignation manifestiert hat. In gewisser Hinsicht teilen Tao und Walter somit die gleichen Wunden, nämlich einem tief-greifenden Selbsthass, der jedoch durch eine Resilienz, und dem Drang, seine Umwelt zu „reparieren“, ausgeglichen wurde.  Durch diese Ähnlichkeiten konnte beide gegenseitig sehen. Söhne sind für Väter immer etwas Rohes, etwas, worin sie Teile ihres alten Selbst sehen können. Der Vater probiert, im Sohn sein jüngeres Selbst zu retten, während der Sohn probiert, im Vater sein älteres Selbst zu werden. Söhne empfinden diese Aufgabe oft als unfair und ungerecht. Warum sollten sie für etwas herhalten, wofür sie nichts können? Schafft es der Sohn jedoch diesen Enttäuschungen Stand zu halten, so können beide Figuren aus dieser Situation profitieren – der Vater regeneriert seine Hoffnung in die Welt und der Sohn erfährt eine ihn tragende Welt. Dass der Sohn in gewisser Art und Weise, für diesen Prozess „herhalten“ muss, ist eine der vielen traurigen Realitäten des Lebens.

Einige Zeit vergeht, und Tao befindet sich inmitten seines neuen Lebenswegs. Auf dem Rückweg von der Arbeit, wird er von einem alten Weggefährten Fung abgefangen. Sie bemerken den Wandel und den neuen Lebensweg von Tao, und fühlen sich durch diesen provoziert. Ein Handgemenge entbricht, und Tao wird durch einen der Gang-Mitglieder mit einer brennenden Zigarette im Gesicht verletzt. Tao erhält ein symbolisches „Mal“, um ihn somit an seine „Wurzeln“ zu erinnern. Zuhause angekommen, begegnet Tao Walter, welcher die Verletzung in Taos Gesicht bemerkt. Walter, ahnend, wer ihm dies angetan hat, lauert am Folgetag Fungs Gang vor ihrem Zuhause nach, und wartet, bis ein Mitglied allein ist. Er betritt daraufhin das Grundstück, sieht den Verursacher der Gewalt, und prügelt ihn mit multiplen Schlägen ins Gesicht nieder. Verbinden tut Walter dies, mit einer markanten und spürbaren Drohung, dass die Gang Tao in Zukunft in Frieden lassen soll.

Nach dieser „Reinigung“ verspüren Walter, und die Familie von Tao einen auffälligen Moment der Ruhe. Alle sitzen sie beisammen, scherzen, und haben eine sorgenlose Zeit. Wir bemerken einen weiteren Gast in der geselligen Runde: Juja, die hübsche asiatische Frau, welche im ersten Drittel des Films romantisches Interesse an Tao gezeigt hat. Zwischenzeitlich hat Tao seinen Mut zusammengenommen, und Jujas nach einem Date gefragt. Taos neu gewonnenen Selbstwertgefühl, ausgelöst durch die väterliche Führung von Walter, haben ihm anscheinend Mut und den Willen gegeben, auch sein romantisches Leben selbst in die Hand zu nehmen. In diesem stabilen Gefüge konnte sich Juja guten Gewissens „einnisten“. Frauen fühlen sich ohnehin am wohlsten als Ergänzung zum Mann (in biblischen Worten: als Rippe des Mannes, aus dem der Mann die Luft zum Leben ziehen kann). In vielerlei Hinsicht erfährt ein Mann nur ein wirkliches Lebendigkeits-Gefühl, wenn er die Blicke einer ihn liebenden Frau erhält, während die Frau sich „im Lieben“ am nützlichsten fühlt. Der moderne Mythos des „eigenständigen Glücks“ eines Mannes oder einer Frau ist nichts weiter als ein moderner Aberglaube.

Die vermeintliche Ruhe, die ab diesem Punkt des Filmes eintritt, scheint von vornherein trügerisch. Eines Abends fahren Fungs Gang in ihrem Auto vor das Haus von Tao und üben ein furchtbares Massaker aus. Mit automatischen Maschinengewehren durchsieben sie das Haus, mit dem eindeutigen Ziel, jegliches Leben in diesem Haus zu vernichten. Die Dramatik dieser Szene wird durch schnelle Bildwechsel und eine unruhige Kameraführung noch verstärkt. Walter, den Terroranschlag bemerkend, stürmt in das Haus von Tao und überprüft, wie viel Schaden wohl durch das Attentat angerichtet wurde. Die Mutter und Großmutter von Tao befanden sich anscheinend in einem sicheren Schlupfwinkel und konnten den tödlichen Schüssen entgehen, und auch Tao scheint unversehrt. Su befindet sich zu dieser Zeit mit einem Freund in der Innenstadt, und alle Beteiligten, und auch die Zuschauer, befürchten, was dies bedeuten könnte. Einige Stunden vergehen, und Su betritt den Raum. Wir sehen eine blutüberströmte, missbrauchte, schwer zugerichtete Frau. Der Anblick dieser Manifestation von Hass und Bitterkeit auf das Leben, verstört mich und die Charaktere des Films zugleich. Walter, das Echo seines in die Welt getragenen Hasses bemerkend, stürmt ungläubig aus dem Haus. Ahnungslos, wie er mit der blinden Wut und Hilflosigkeit, die sich in ihm aufgebaut hat, umgehen soll, schlägt er in seinem Haus seine eigenen Hände blutig und sitzt im Folgenden apathisch in einer Ecke. Eine Träne verlässt Walters Körper, ein untrügliches Zeichen, dass Walters innere Verletzlichkeit nun nicht mehr verborgen werden kann. Walter scheint sich bewusst zu sein, dass seine eigene Aggression zu der Eskalation der Gewalt geführt hat. Wer die Türen der Hölle betritt, sollte gefasst darauf sein, dass dort Wesen auf einen warten, die weniger Angst vor dem Tod haben als man selbst.

Am Folgetag erleben wir, wie Tao Walter bittet, die Gangster ein für alle Mal zu beseitigen. Die verständliche homozoidale Wut von Tao wird von Walter nicht erwidert. Walter, anders als man es von ihm kennt, befiehlt Tao Geduld zu haben, und die Situation vorbeiziehen zu lassen. Diese „reife“ Art und Weise des Umgangs mit dieser Situation, ist unbefriedigend, sowohl für mich als auch für Tao. Walter wirkte mächtiger und kontrollierter, als er die Dinge noch selbst in die Hand genommen, und gelöst hat und Vergeltung ausgeübt hat. Wir waren doch Zeuge, wie wertvoll dies sein kann. Doch auch hier dreht uns die Gesellschaft einen Strick, denn wir waren ebenfalls Zeuge, wie dies nicht nur in Resolution, sondern im Chaos enden kann.

In gewisser Weise tauschen wir als Zivilisation die befriedigenden Effekte der Rache und Vergeltung, gegen die Effekte einer sicheren und nährenden Umgebung ein. Oft bleiben wir mit Gefühlen der Rache zurück, und wissen nicht recht, was wir damit anfangen sollen. Oft nehmen sie die Form von Verbitterung und Zynismus an, da unsere Gesellschaft uns nur sehr wenige Möglichkeiten gibt, mit diesen Gefühlen umzugehen. Es gehört zum Leben dazu, die Vorteile einer ausgebildeten, ruhigen Zivilisation, gegen das Ausleben von Rache und Wut einzutauschen. „Wir müssen damit leben lernen“.   

Mir ist wichtig, ein häufiges Missverständnis aus dem Weg zu räumen. Walter denkt zu keinem Zeitpunkt, dass Fung und seine Gang den Tod nicht verdient hätten. Fung und seine Gang verdienen tatsächlich nichts Anderes als den Tod, nein, ich gehe so weit zu sagen, dass sie den Tod geradezu fordern. Die Frage, die Walter sich stellt, ist viel mehr, ob es sich lohnt, diesen Forderungen nachzugeben. Um einen Mörder zu rächen, müssen wir selbst zum Mörder werden. So gerechtfertigt und richtig Vergeltung auch wirken kann, so bin ich mir nicht sicher, ob die Vergeltung auf Dauer befriedigt.  Walter, selbst Mörder von vielen Menschen, hat seine Seele mit genug Blut gefüllt, als dass er gesehen hat, dass aus gegenseitiger Vergeltung nicht etwa Befriedigung, sondern Taubheit entsteht.

In den letzten Szenen des Films zeigt Walter ein eigenartiges Verhalten, welches seinen inneren Wandel widerspiegelt. Er bricht mit seinen rigiden Routinen, und kümmert sich um seinen Körper, lässt sich beim Friseur das erste Mal auch seinen Bart rasieren, besorgt sich einen maßgeschneiderten Anzug. Dieses „Zurechtmachen“ interpretiere ich auf verschiedene Arten. Zum einen ist dies ein häufiges Verhalten suizidaler Menschen. Die „Säuberung“, kurz vorm Vollziehen des Suizids, kann als rituelle „Todessalbung“ verstanden werden (man weist dem Körper die letzte Ehre). Bei Walter bin ich mir nicht sicher, ob diese Interpretation ausreicht. Zwar wird sich Walter im Folgenden suizidieren, doch Walter war zu keinem Zeitpunkt vorher im Film suizidal. Die neu entstandene Spontanität und Flexibilität bei in Walters Wesen verstehe ich mehr als Resultat seiner charakterlichen Transformation. Walter ist zufrieden, in den Genuss einer Familie gekommen zu sein, einen Sohn gehabt zu haben, diesen Sohn geliebt haben zu dürfen, und selbst Objekt von Sohnesliebe gewesen zu sein. All diese neuen Erlebnisse können Grund genug für Walter sein, von seiner vorherigen Lebensart Distanz zu nehmen, und sein Äußeres, wie auch Inneres, fortan zu pflegen.

Walter betritt seit Jahrzehnten wieder die Kirche, und möchte seiner verstorbenen Frau ihren letzten Wunsch erfüllen. Im Beichtraum angekommen, sitzt ihm der junge Priester entgegen, den er zuvor noch als ahnungslos und unerfahren gedemütigt hat. Walter beichtet, dass er in seinen Jugendjahren seine Frau einmalig betrogen hat, bei einem Privatverkauf eines Bootes keine Steuern gezahlt zu haben. Zudem beichtet und bereut er, dass er seine eigenen Söhne niemals geliebt hat, weil er nicht wusste, was Liebe wirklich bedeutet. Diese Beichte, dieses Eingestehen dieses „Fehlers“, und auch die offensichtliche Fähigkeit von Walter, sich selbst zu verzeihen, und sich somit von lähmender Schuld zu befreien, berühren mich zutiefst. Die Liebe zu sich selbst, die Walter diese Transformation ermöglicht hat, stammt nicht von Walter selbst. Es ist die Liebe seines Umfelds, die Walter gesehen haben und ihm somit die Gelegenheit gegeben haben, sich selbst zu sehen. Wir l(i)eben durch die Augen eines Anderen.

Im Finale des Films betritt Tao das Haus von Walter und bittet ihn, die Bluttat durchzuführen. Walter leitet Tao in die Irre, und bittet ihn, die Waffen aus dem Keller zu holen. Sie öffnen eine alte Truhe, in dem sie alte Militärorden finden, die Walter nach dem Krieg verliehen worden sind. Tao, offensichtlich beeindruckt von der kalten, skrupellosen Effektivität eines Mörders, fragt Walter, wie viele Menschen er in seinem Leben umgebracht habe. Walter antwortet, dass es ungefähr dreizehn gewesen sein müssen. Menschen, die Walter „nicht einmal kannte“, die er nach dem Mord „wie Säcke aufeinanderstapelte“. Ich möchte nicht lügen: Die Kaltherzigkeit eines Mörders hat etwas ungemein Faszinierendes. Es hat etwas „Lösendes“, als könne man für kurze Zeit die unaushaltbare Ambivalenz des Lebens überwinden, als setze man „dem Bösen“ für kurze Zeit ein Ende. Doch wie bereits erwähnt agiert das Böse wie Treibsand: Je mehr wir uns darin suhlen, desto mehr versinken wir selbst darin.

Walter steigt die Treppen des Kellers hinauf und schließt Tao im Keller des Hauses ein. Somit probiert er Tao „vor sich selbst schützen“.

Walter fährt in der finalen Konfrontation zum Haus von Fung und seinen Leidensgenossen und stellt sich allein vor die Hausfront. Es dauert nicht lange, bis die Gangster das Haus verlassen und auf Walter blicken. Die Interaktion beginnt mit ein paar degradierenden, jedoch wahren, Beleidigungen Walters. Das moralische Versagen der Gangster durch das Vergewaltigen und gewaltsame Zurichten ihrer eigenen Cousine, ihres eigenen Bluts, ist beispiellos und es fällt den Zuschauern nicht schwer, die Empörung Walters nachzuvollziehen. Walter beobachtet das Gebäude und sieht, wie aus allen Ecken einzelne Gangmitglieder den Fokus auf ihn richten. Er steckt sich eine Zigarette in den Mund und es herrscht offensichtliche Verunsicherung über die Situation, da keiner ahnt, warum Walter das aufgeladene Aufeinandertreffen derart unterbricht. Walter fasst sich langsam in die Brusttasche – eine Aktion, welche offensichtlich durch die Gangmitglieder als mögliche Vorbereitung auf einen feindlichen Angriff interpretiert wird. In einer raschen Handbewegung zieht Walter seinen Arm aus der Brusttasche, und ein Kugelhagel entlädt sich. Sämtliche Gangster entladen ihre Munition auf Walters Körper – ein kollektiver Mord, welcher von der Nachbarschaft beobachtet wird. Tao, mittlerweile durch Su aus dem Keller befreit, eilt zum Tatort, an dem sich mittlerweile Rettungswagen und Polizei versammelt haben. Die Gangster werden, auf den Boden blickend, von der Polizei abgeführt. Tao blickt schließlich in den Rettungswagen und sieht, was er längst ahnt: Dass Walter sich selbst geopfert hat, um dem Schrecken der Nachbarschaft ein Ende zu setzen. Die Parallelen zu Geschichte des Propheten Jesus sind offensichtlich, und werden an dieser Stelle nicht weiter aufgeführt.

In der Vorlesung des Testaments von Walter versammeln sich seine biologische, verhasste, und seine neue, ihn liebende Familie. Sein Haus solle der Kirche vermacht werden, da seine Ehefrau Dorothy dies so gewollt hätte. Der Gran Torino wird an Tao vermacht – verbunden mit ein paar drohenden Worten des nun verstorbenen Protagonisten, dass der Gran Torino nicht durch neumodische „Tunings“ in seinem Wesen verändert werden solle.

In der letzten Szene des Films, sehen wir, wie Tao mit dem Gran Torino im Sonnenuntergang die Straßen herunterfährt. Taos Gesicht hat sich markant verändert. In dem richtungslosen, leeren, unsicheren, unausgefüllten, suchenden Gesicht, addierten sich Noten der Trauer, Sehnsucht, im weiteren Detail auch Entschlossenheit, Sinnhaftigkeit und Stolz. Während Walter durch Tao seine jugendliche Flexibilität und Dynamik wieder erlangte, erhielt Tao von Walter die notwendige erwachsene Rigidität und Trauer – der sogenannte Preis für Reife, den Tao in Zukunft mit seinem zukünftigen Sohn begleichen kann.

Gran Torino ist eine Geschichte über die transformierende Kraft der Liebe. Der Direktor bedient sich dabei archetypischer religiöser Geschichten, und schneidet Themen der Rache und Wut, sowie der Dynamiken zwischen Mann und Frau und Vater und Sohn an. Wir erleben in beeindruckender Art und Weise, wie sich Lebenslinien überschneiden, Altes stirbt, und Neues aus der Asche hervorgeht. Auch wenn wir im Film idealisierte Bedingungen für die Entfaltung jener Gestalten erleben, so sind sie nichtsdestotrotz real, lehren uns Dinge über unser eigenes Leben, und haben die Möglichkeit, Trost in einer Welt voller Leid zu hinterlassen.

Mohamed M. Saleh

Eine Antwort

  1. Lieber Herr Saleh, sehr berührend, weil sehr persönlich und ehrlich! Herzlichen Dank! Dirk Blothner

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